Ontologisierung als epistemische Grundoperation
Funktionale Stabilisierung, Intersubjektivität und Fehlfunktion
Abstract
Dieser Beitrag rekonstruiert Ontologisierung funktional als grundlegende epistemische Operation. Ontologisierung wird nicht als metaphysische Aussage darüber verstanden, was es gibt, sondern als besondere Form funktionaler Stabilisierung, durch die endliche Erkenntnissysteme ein dynamisches Erfahrungsfeld in identifizierbare, wiederaufnehmbare und referenzfähige Bezugseinheiten überführen. Im Sinne der Epistemik ist Ontologisierung daher als domänenübergreifende operative Erkenntnisleistung unter endlichen Bedingungen zu verstehen. Endlichkeit bezeichnet hier den strukturellen Mangel vollständig verfügbarer Ordnung. Ontologisierung ist als Operation nicht auf eine einzelne Domäne beschränkt; ihre konkreten Stabilitäts-, Geltungs- und Revisionsbedingungen bestimmen sich jedoch domänenspezifisch.
Ontologisierung erzeugt damit keine Wahrheit über eine unabhängige Wirklichkeit, sondern jene stabilen Bezugsformen, innerhalb derer Wahrnehmung, Erinnerung, Erwartung, Handlung und spätere Wahrheitsansprüche überhaupt möglich werden. Die Analyse verfolgt diese Operation vom individuellen Vollzug bis zur intersubjektiven Stabilisierung. Der Übergang von individueller zu intersubjektiver Ontologisierung wird über geteilte Aufmerksamkeit und geteilte Referenz rekonstruiert und anhand deklarativen Zeigens als paradigmatischem Marker dieser Schwelle präzisiert.
Sprache erscheint anschließend als sekundäre, aber wirkmächtige Fixierungsschicht: Sie erzeugt minimale Ontologisierung nicht aus dem Nichts, verdichtet und erweitert jedoch bestehende Bezugnahmen, konserviert sie über Situationen hinweg und verändert ihre Revisionsbedingungen. Vor diesem Hintergrund bestimmt der Beitrag die Fehlfunktion der Ontologisierung als Verabsolutierung, in der funktionale Setzungen als endgültige Beschreibungen der Wirklichkeit missverstanden werden. Ontologisierung erweist sich so zugleich als domänenübergreifende Ermöglichungsbedingung von Erkenntnis, als konstitutive Operation geteilter epistemischer Realität und als strukturelle Quelle epistemischer Verfestigung.
Keywords
Ontologisierung; Epistemik; epistemische Stabilisierung; Bezugseinheiten; Intersubjektivität; geteilte Referenz; deklaratives Zeigen; sprachliche Fixierung; Verabsolutierung; Fehlfunktion; Ontologie; Erkenntnistheorie
1. Die Leerstelle der Ontologisierung
Die philosophische Auseinandersetzung mit Ontologie gehört zu den ältesten und zugleich kontroversesten Traditionen des Denkens. Seit der Antike wird darüber gestritten, was es gibt, in welchem Sinn es existiert und wie sich Sein von bloßem Schein unterscheiden lässt. In der Moderne verschiebt sich diese Debatte zunehmend auf erkenntnistheoretische und sprachphilosophische Ebenen. Ontologische Annahmen werden entweder kritisch dekonstruiert oder als unverzichtbare Voraussetzungen rationaler Welterkenntnis verteidigt. Auffällig ist dabei jedoch, dass sich diese Diskussionen häufig auf Ontologien als Ergebnisse oder Inhalte beziehen, nicht auf den zugrunde liegenden Prozess ihrer Entstehung.
Die hier verfolgte Perspektive steht in der Nähe klassischer Fragen nach den Bedingungen von Erfahrung, Gegenständlichkeit, Sprache und Intersubjektivität, wie sie etwa bei Kant, Husserl, Wittgenstein, Mead und in neueren Arbeiten zu geteilter Aufmerksamkeit und geteilter Intentionalität sichtbar werden (Kant 1998; Husserl 1970; Wittgenstein 1953; Mead 1934; Tomasello 1999, 2008). Sie übernimmt diese Ansätze jedoch nicht als Ausgangspunkt einer transzendentalen Kategorienlehre, einer phänomenologischen Konstitutionsanalyse, einer Sprachspieltheorie oder einer entwicklungspsychologischen Ursprungsthese. Der eigenständige Beitrag dieser Arbeit liegt vielmehr darin, Ontologisierung als funktionale Stabilisierung referenzfähiger Bezugseinheiten zu rekonstruieren: als Operation, durch die endliche Erkenntnissysteme dynamische Erfahrung so stabilisieren, dass Wahrnehmung, Erinnerung, Handlung, geteilte Referenz und spätere Wahrheitsansprüche möglich werden.
Was weitgehend fehlt, ist eine systematische Untersuchung der Ontologisierung selbst, also jener epistemischen Operation, durch die ein Erkenntnissystem Stabilität erzeugt, um unter endlichen Bedingungen handlungs- und anschlussfähig zu bleiben. Ontologisierung wird hier nicht als eigenständiger ontologischer Zugriff oder als alternative Theorie der Wirklichkeit verstanden, sondern als besondere Form funktionaler Stabilisierung, durch die Bezugseinheiten als identifizierbar, wiederaufnehmbar und referenzfähig behandelt werden können. Der Fokus liegt damit nicht auf ontologischen Inhalten oder Ergebnissen, sondern auf der operativen Leistung, durch die etwas als stabiler Bezugspunkt verfügbar wird. Ontologisierung ist in diesem Sinne keine Konkurrenz zur Ontologie, sondern eine epistemische Voraussetzung dafür, dass ontologische Festlegungen überhaupt wirksam werden können.
Im Sinne der Epistemik ist Ontologisierung daher als domänenübergreifende operative Erkenntnisleistung unter endlichen Bedingungen zu verstehen. Endlichkeit bezeichnet hier den strukturellen Mangel vollständig verfügbarer Ordnung, aufgrund dessen Erkenntnissysteme unterscheiden, stabilisieren und wiederaufnehmen müssen. Ontologisierung ist als Operation nicht auf eine einzelne Domäne beschränkt; ihre konkreten Stabilitäts-, Geltungs- und Revisionsbedingungen bestimmen sich jedoch domänenspezifisch. Ontologisierung erfüllt diese Funktion, indem sie flüchtige, kontextabhängige Erfahrungszusammenhänge in Bezugseinheiten überführt, die als hinreichend stabil behandelt werden können. Diese Stabilisierung ist kein Abbild einer unabhängigen Wirklichkeit, sondern eine operative Voraussetzung von Erkenntnis selbst. Damit setzt die Analyse keinen unmittelbaren Zugriff auf ein vorausliegendes Außen voraus, sondern bleibt innerhalb einer erkenntnisrelativen Begrenzung positiver Bestimmbarkeit (Rapp 2026d).
Die philosophische Problematik der Ontologie entsteht nicht aus dieser Funktionalität, sondern aus ihrer Verkennung. Ontologische Festlegungen werden historisch häufig als Erkenntnisse über das Sein verstanden, nicht als Ergebnisse epistemischer Stabilisierung. Dadurch geraten ihre Leistungen ebenso aus dem Blick wie ihre systematischen Risiken. Insbesondere bleibt unklar, warum ontologische Festlegungen einerseits unverzichtbar sind, andererseits aber zu dogmatischen Blockaden, überzogenen Wahrheitsansprüchen und ideologischen Verhärtungen führen können.
Ein zentrales Anliegen dieser Arbeit ist es daher, Ontologisierung funktional, nicht metaphysisch zu rekonstruieren. Dies erfordert eine Verschiebung der Fragestellung: Nicht „Was ist?“, sondern „Welche Stabilisierung muss ein Erkenntnissystem leisten, um überhaupt operieren zu können?“ steht im Zentrum. Ontologie wird damit nicht abgeschafft, sondern auf ihre epistemische Rolle zurückgeführt.
Ein besonderer Fokus liegt dabei auf dem Übergang von individueller zu intersubjektiver Ontologisierung. Während individuelle Ontologisierung bereits für Wahrnehmung, Erinnerung und Handeln erforderlich ist, verändert sich ihre Struktur grundlegend, sobald sie sozial geteilt wird. Intersubjektive Stabilisierung erhöht Reichweite, Dauer und soziale Bindungswirkung ontologischer Setzungen. Diese Verdichtung ist erkenntnisökonomisch hoch wirksam, birgt jedoch zugleich ein gesteigertes Fehlfunktionspotenzial.
Um diesen Übergang präzise zu analysieren, wird im weiteren Verlauf ein paradigmatischer Fall herangezogen: das soziale, genauer deklarative Zeigen. Zeigen wird hier nicht als Ursprung intersubjektiver Ontologisierung verstanden, sondern als besonders klarer Marker einer epistemischen Schwelle, an der Ontologisierung intersubjektiv adressierbar wird. Durch Zeigen kann ein Akteur einem anderen etwas als gemeinsamen Bezugspunkt verfügbar machen, noch bevor Sprache diese Bezugnahme fixiert. Damit wird eine Ebene sichtbar, auf der Akteure einander nicht bloß als Reaktionssysteme, sondern als epistemische Systeme behandeln, die selbst Bezugseinheiten stabilisieren. „Meta-Ontologisierung“ bezeichnet hierbei keine begriffliche Reflexion über Ontologie, sondern die vor-sprachliche operative Adressierung des anderen als eines Systems, dessen Stabilisierung für gemeinsame Orientierung relevant ist.
Die Leitthese der Arbeit lautet daher: Ontologisierung ist eine funktional notwendige epistemische Entlastungsleistung, deren intersubjektive Stabilisierung Erkenntnis ermöglicht, zugleich aber die strukturelle Möglichkeit ihrer Fehlfunktion erzeugt. Das deklarative Zeigen markiert nicht den Ursprung dieses Übergangs, sondern einen Punkt, an dem intersubjektive Meta-Ontologisierung besonders klar rekonstruierbar wird. Dadurch wird jene epistemische Struktur sichtbar, aus der sich sowohl produktive Stabilisierungsleistungen als auch spätere Fehlfunktionen entwickeln können.
2. Ontologisierung als epistemische Grundoperation
Ontologisierung bezeichnet im Folgenden keinen metaphysischen Akt der Weltbeschreibung, sondern eine epistemische Grundoperation, durch die ein Erkenntnissystem seine Erfahrungswelt so stabilisiert, dass etwas als identifizierbares und wiederaufnehmbares „Etwas“ verfügbar wird. Im Sinne der Epistemik handelt es sich dabei um eine domänenübergreifende Form funktionaler Stabilisierung unter endlichen Bedingungen (Rapp 2026b). Ontologisierung ist als Operation nicht auf eine einzelne Domäne beschränkt; ihre konkrete Geltung, Stabilitätsform und Revisionsfähigkeit bestimmen sich jedoch domänenspezifisch. Nicht jede Stabilisierung ist bereits Ontologisierung, sondern nur jene Stabilisierung, durch die Bezugseinheiten als identisch, unterscheidbar und referenzfähig behandelt werden können. Ontologisierung ermöglicht dadurch Wahrnehmung, Erinnerung, Erwartungsbildung und Handeln, weil sie dynamische Erfahrung in Bezugspunkte überführt, auf die ein System erneut zugreifen kann. Sie ist damit kein Ergebnis reflektierter Theorie, sondern Teil operativer Erkenntnisstruktur unter endlichen Bedingungen. Sie beschreibt keine Eigenschaften der Welt an sich, sondern eine epistemische Leistung, ohne die fortlaufende Erkenntnis nicht möglich wäre.
Kognitive Systeme stehen vor einem grundlegenden Problem: Ihre Erfahrung ist dynamisch, kontextabhängig und hochgradig variabel, während ihre Verarbeitungsressourcen begrenzt sind. Ontologisierung wirkt hier als Entlastungsmechanismus, indem sie Veränderung reduziert, Wiedererkennbarkeit ermöglicht und Erfahrungszusammenhänge so stabilisiert, dass sie erneut aufgegriffen werden können. Sie transformiert ein kontinuierliches Erlebensfeld nicht notwendig in starre Dinge, sondern in als stabil behandelte Bezugseinheiten: Gegenstände, Eigenschaften, Relationen, Ereignisse, Rollen oder Prozesszusammenhänge. Diese Bezugseinheiten müssen nicht tatsächlich invariant sein. Es genügt, dass sie funktional so behandelt werden können, als blieben sie hinreichend identisch, um Orientierung, Vergleich und Handlung zu ermöglichen.
Die Rede von „endlichen Erkenntnissystemen“ ist dabei neutral gemeint. Sie verpflichtet nicht auf eine bestimmte naturalistische Theorie, sondern bezeichnet zunächst den strukturellen Umstand, dass Erkenntnis nicht aus vollständig verfügbarer Ordnung hervorgeht. Ein endliches Erkenntnissystem muss auswählen, unterscheiden, stabilisieren und wiederaufnehmen, weil seine Erfahrungswelt nicht bereits als vollständig geordnete Einheit verfügbar ist. Zeit, Aufmerksamkeit, Perspektive und Handlung sind in diesem Sinn abgeleitete Formen, in denen diese strukturelle Begrenzung epistemisch wirksam wird. Ontologisierung ist daher notwendig nicht als metaphysisches Gesetz und nicht als Aussage über die Welt an sich, sondern funktional: Ein endliches Erkenntnissystem könnte ohne minimale Stabilisierung wiederaufnehmbarer Bezugseinheiten keine Erfahrungen vergleichen, keine Erwartungen bilden und keine Handlungen koordinieren.
Entscheidend ist daher, dass Ontologisierung nicht mit Wahrheit verwechselt werden darf. Sie ist keine Aussage darüber, wie die Welt unabhängig vom erkennenden System beschaffen ist. Vielmehr handelt es sich um eine operative Vereinfachung, die es dem System erlaubt, Erwartungen zu bilden, Handlungen zu planen und Erfahrungen aufeinander zu beziehen. Ontologisierung ist damit kein Erkenntnisziel, sondern eine Ermöglichungsbedingung von Erkenntnis. Sie erzeugt nicht Wahrheit, sondern die stabilen Bezugsformen, innerhalb derer Wahrheitsansprüche überhaupt formuliert, geprüft oder korrigiert werden können.
Diese Stabilisierung vollzieht sich zunächst implizit. Das kognitive System unterscheidet im Vollzug nicht zwischen „ontologisch gesetzt“ und „epistemisch konstruiert“. Für das System selbst erscheinen ontologische Einheiten schlicht als gegeben. Gerade diese Unauffälligkeit macht Ontologisierung so wirksam. Sie reduziert kontinuierlich Vergleichs-, Integrations- und Entscheidungsaufwand, ohne als eigenständige Operation in Erscheinung treten zu müssen.
Ontologisierung ist dabei keine singuläre Handlung, sondern ein fortlaufender Prozess. Sie wird ständig bestätigt, korrigiert oder angepasst, ohne dass dies explizit reflektiert werden müsste. Stabilität ist immer relativ, kontextgebunden und vorläufig, auch wenn sie im Vollzug als selbstverständlich erlebt wird. Ontologische Einheiten sind daher nicht als fixe Strukturen zu verstehen, sondern als stabilisierte Erwartungs- und Referenzmuster, die nur so lange tragen, wie sie Orientierung, Vergleich und Anschlussfähigkeit ermöglichen.
Wichtig ist, dass Ontologisierung bereits auf der Ebene individueller Erkenntnis unvermeidlich ist. Schon einfache Wahrnehmungsleistungen setzen voraus, dass etwas als „dasselbe“ behandelt wird, obwohl sich sensorische Daten fortlaufend ändern. Erinnerung erfordert die Annahme zeitlicher Identität, Handlung erfordert die Annahme hinreichender Stabilität von Situationen, Körpern, Gegenständen oder Relationen. Ontologisierung ist hier keine zusätzliche theoretische Leistung, sondern die Bedingung dafür, dass Wahrnehmung, Erinnerung und Handlung überhaupt integrierbar werden.
Philosophisch problematisch wird Ontologisierung erst dann, wenn sie aus ihrer funktionalen Rolle gelöst wird. Wird ontologische Stabilisierung nicht mehr als epistemische Notwendigkeit unter endlichen Bedingungen verstanden, sondern als Abbild einer unabhängigen Wirklichkeit interpretiert, entsteht eine kategoriale Verschiebung. Aus einer operativen Vereinfachung wird eine ontologische Behauptung. Diese Verschiebung bildet einen Ausgangspunkt metaphysischer Ontologiebildung, erklärt aber zugleich deren Anfälligkeit für Dogmatisierung.
Für die weitere Argumentation ist daher festzuhalten: Ontologisierung ist eine strukturell notwendige epistemische Operation, keine kontingente kulturelle Praxis. Ihre Notwendigkeit liegt in ihrer Funktion für endliche Erkenntnissysteme, die Ordnung nicht vollständig vorfinden, sondern unter Bedingungen strukturellen Mangels erst stabilisieren müssen; sie liegt nicht in einem metaphysischen Zugriff auf das Sein selbst. Sie ist weder wahr noch falsch, sondern funktional oder fehlfunktional. Ihre Leistungsfähigkeit zeigt sich in der Stabilisierung von Erkenntnis, ihre Problematik in der Tendenz zur Verabsolutierung. Beide Aspekte lassen sich jedoch nur verstehen, wenn Ontologisierung nicht als Inhalt, sondern als Operation begriffen wird.
Mit dieser funktionalen Bestimmung ist zugleich der Rahmen gesetzt, um den Übergang von individueller zu intersubjektiver Ontologisierung zu analysieren. Denn während ontologische Stabilisierung auf individueller Ebene bereits unverzichtbar ist, verändert sich ihre epistemische Dynamik grundlegend, sobald stabilisierte Bezugseinheiten sozial geteilt, wechselseitig erwartet und gemeinsam korrigierbar werden.
Die folgende Abbildung fasst diese Grundstruktur zusammen und zeigt, wie Ontologisierung als domänenübergreifende Operation unterschiedliche Stabilitäts- und Belastungsformen annimmt.
3. Vom Individuellen zum Intersubjektiven
Ontologisierung ist zunächst eine individuelle epistemische Operation. Sie ermöglicht es einem kognitiven System, seine eigene Erfahrungswelt zu stabilisieren und handlungsfähig zu bleiben. Diese individuelle Stabilisierung ist jedoch nur der erste Schritt. Sobald mehrere Akteure miteinander interagieren, tritt Ontologisierung in einen erweiterten Funktionsraum ein. Die Operation selbst bleibt dieselbe, verändert jedoch ihre Stabilitätsbedingungen: Stabilisierte Bezugseinheiten leisten nun nicht mehr nur für ein einzelnes System Orientierung, sondern werden zwischen mehreren Systemen koordinierbar, erwartbar und korrigierbar.
Damit bewegt sich die Analyse in den Bereich dessen, was im weiteren Projektrahmen als geteilte epistemische Realität gefasst wird (Rapp 2026c). Ontologisierung wird hier jedoch nicht als Ersatz für geteilte epistemische Realität verstanden, sondern als eine ihrer konstitutiven Operationen. Sie setzt an einer allgemeineren Rekonstruktion der intersubjektiven Domäne als Raum von Wiederaufnahme, Bedingtheit und gemeinsamer Anschlussfähigkeit an (Rapp 2026a). Geteilte epistemische Realität entsteht nicht allein dadurch, dass mehrere Akteure dieselbe Welt voraussetzen, sondern dadurch, dass Bezugseinheiten, Erwartungen und Korrekturmöglichkeiten zwischen ihnen stabilisiert werden. Ontologisierung beschreibt innerhalb dieses Zusammenhangs jene Operation, durch die etwas überhaupt als gemeinsamer Bezugspunkt verfügbar werden kann.
Der Übergang zur Intersubjektivität verändert nicht die Grundoperation der Ontologisierung, wohl aber den Charakter ihrer Stabilisierung. Individuelle Ontologisierung dient primär der internen Kohärenz eines Systems. Intersubjektive Ontologisierung hingegen erfüllt zusätzlich eine koordinierende Funktion. Sie ermöglicht, dass mehrere Systeme ihre Erwartungen aufeinander abstimmen, ohne jedes Mal die gesamte Erfahrungswelt neu aushandeln zu müssen. Ontologische Stabilisierung wird damit zu einem sozialen Entlastungsmechanismus.
In sozialen Kontexten genügt es nicht mehr, dass etwas für ein einzelnes Subjekt stabil ist. Es muss für mehrere Akteure hinreichend gleich stabilisierbar und wiederaufnehmbar sein. Diese Gleichheit ist keine metaphysische Identität, sondern eine praktische Übereinstimmung im Vollzug. Ontologische Bezugseinheiten fungieren nun als geteilte Bezugspunkte, an denen Erwartungen, Handlungen und Reaktionen ausgerichtet werden können.
Dieser Prozess verläuft zunächst nicht explizit oder reflektiert. Intersubjektive Ontologisierung entsteht nicht notwendig durch bewusste Vereinbarung, sondern durch wiederholte erfolgreiche Koordination. Was sich im Vollzug bewährt, wird stabilisiert; was scheitert, wird angepasst oder verworfen. Auf diese Weise entsteht keine soziale Ontologie im metaphysischen Sinn, sondern ein intersubjektiv stabilisierter Bezugsraum, der durch Bewährung, Wiederholung und Korrektur verstetigt wird.
Mit der intersubjektiven Stabilisierung verändern sich auch die Kostenstrukturen von Ontologisierung. Einerseits sinken die Koordinationskosten erheblich. Gemeinsame ontologische Bezugspunkte erlauben schnelle Verständigung, voraussagbares Verhalten und geteilte Erwartungen. Andererseits steigen die Revisionskosten. Je stärker ontologische Setzungen sozial verankert sind, desto aufwendiger wird ihre Korrektur. Abweichungen müssen erklärt, gerechtfertigt oder sozial verarbeitet werden.
Diese Verschiebung markiert einen entscheidenden epistemischen Wendepunkt. Ontologische Stabilisierung gewinnt an Reichweite und Dauer, verliert jedoch zugleich an Flexibilität, weil Abweichungen nun nicht mehr nur individuell korrigierbar sind, sondern soziale Abstimmungsprozesse erfordern. Was zuvor als funktionale Anpassung erfolgen konnte, wird intersubjektiv aufwendiger, da gemeinsame Bezugspunkte Erwartungen bündeln und stabilisieren. Ontologisierung erhält dadurch keine normative Geltung im eigenständigen Sinn, sondern eine erhöhte Bindungswirkung, die aus den steigenden Aufwänden ihrer Revision resultiert. Die epistemische Dynamik verschiebt sich damit nicht in Richtung Wahrheit oder Verpflichtung, sondern in Richtung wachsender Stabilisierungskosten.
Wichtig ist, dass dieser Übergang nicht an Sprache gebunden ist. Intersubjektive Ontologisierung kann bereits dort einsetzen, wo Akteure ihr Verhalten systematisch aufeinander abstimmen und stabile Erwartungen über gemeinsame Bezugspunkte ausbilden. Sprache verstärkt, fixiert und erweitert diesen Prozess, ist aber nicht seine minimale Voraussetzung. Sie setzt vielmehr voraus, dass etwas bereits als wiederaufnehmbarer Bezugspunkt zwischen Akteuren verfügbar werden kann.
Damit stellt sich die Frage, wie dieser Übergang epistemisch fassbar wird. Wenn individuelle Ontologisierung implizit bleibt und intersubjektive Stabilisierung zunächst graduell erfolgt, bedarf es eines Punktes, an dem die gemeinsame Struktur dieser Entwicklung explizit sichtbar wird. Es geht dabei nicht um einen absoluten Ursprung der Intersubjektivität, sondern um die Rekonstruktion einer Schwelle, an der individuelle Stabilisierung als geteilte Bezugnahme fassbar wird. Um diesen Punkt präzise zu bestimmen, ist es notwendig, zunächst die minimalen Voraussetzungen intersubjektiver Kopplung zu klären. Diese liegen im Bereich geteilter Aufmerksamkeit und gemeinsamer Referenz.
4. Geteilte Aufmerksamkeit und Referenz
Bevor Ontologisierung intersubjektiv explizit wird, muss eine minimale Form epistemischer Kopplung zwischen Akteuren etabliert sein. Diese Kopplung liegt noch nicht in gemeinsamen Überzeugungen oder sprachlichen Bedeutungen, sondern zunächst in der Koordination von Aufmerksamkeit. Geteilte Aufmerksamkeit bildet die basale Struktur, in der individuelle Ontologisierungen erstmals aufeinander bezogen werden können, ohne schon vollständig als geteilte Referenz stabilisiert zu sein.
Geteilte Aufmerksamkeit ist dabei nicht bloß ein psychologisches Phänomen, sondern eine epistemische Operation, durch die mehrere Akteure ihre jeweilige Relevanzstruktur aufeinander beziehen. Sie markiert, was für ein Erkenntnissystem aktuell bedeutsam ist, und wird intersubjektiv wirksam, sobald die Aufmerksamkeit eines anderen Akteurs als epistemisch informativ behandelt wird. In diesem Fall reagiert ein System nicht mehr nur auf Reize oder Ereignisse, sondern auf die gerichtete Weltbeziehung eines anderen Akteurs. Geteilte Aufmerksamkeit bildet damit eine minimale Kopplungsstruktur, in der individuelle Ontologisierungen miteinander in Beziehung treten können, ohne bereits ausdrücklich als gemeinsame Bezugnahme markiert zu sein.
Entscheidend ist die Differenz zwischen bloßer Ko-Orientierung und geteilter Referenz. Ko-Orientierung liegt vor, wenn mehrere Akteure zufällig, reaktiv oder parallel auf dasselbe Ereignis reagieren. Geteilte Referenz hingegen setzt voraus, dass Akteure ihr Aufmerksamkeitsverhalten wechselseitig als Hinweis auf einen gemeinsamen Weltbezug behandeln. In diesem Fall wird nicht nur dasselbe wahrgenommen, sondern etwas wird als derselbe mögliche Bezugspunkt verfügbar.
Diese Unterscheidung ist epistemisch zentral. Geteilte Aufmerksamkeit allein garantiert noch keine intersubjektive Ontologisierung. Erst wenn Aufmerksamkeit nicht nur übernommen, sondern als Hinweis auf einen möglichen gemeinsamen Bezugspunkt verstanden wird, entsteht ein gemeinsamer Referenzrahmen. Der Akteur orientiert sich dann nicht nur am Verhalten des anderen, sondern an dem, worauf dieses Verhalten verweist. Damit wird implizit anerkannt, dass die Wahrnehmung des anderen nicht zufällig, sondern weltbezogen organisiert ist.
In diesem Modus beginnt Ontologisierung intersubjektiv wirksam zu werden. Die relevante Bezugseinheit wird nicht mehr nur individuell stabilisiert, sondern als potenziell geteilter Bezugspunkt behandelt. Allerdings bleibt dieser Prozess zunächst implizit. Es gibt noch keine explizite Markierung dessen, was geteilt wird, und keine ausdrückliche Adressierung des anderen als epistemischen Akteur. Geteilte Referenz entsteht hier im Vollzug, nicht durch deklarative Setzung.
Geteilte Aufmerksamkeit ist daher eine notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung intersubjektiver Ontologisierung. Sie ermöglicht, dass individuelle Ontologisierungen aufeinander abgestimmt werden können, ohne sie bereits explizit zu machen. Der epistemische Status der beteiligten Akteure bleibt dabei zunächst unterbestimmt. Sie reagieren aufeinander und auf gemeinsame Bezugspunkte, ohne sich ausdrücklich als Träger eigener Weltstabilisierungen zu adressieren.
Gerade diese Unterbestimmtheit macht geteilte Aufmerksamkeit epistemisch effizient. Sie erlaubt flexible Anpassung und situative Koordination, ohne die Kosten expliziter Verständigung. Zugleich markiert sie die Grenze dieser Effizienz. Solange Referenz nur implizit geteilt wird, bleibt unklar, ob tatsächlich dieselbe ontologische Bezugseinheit gemeint ist oder lediglich eine vorübergehende Überschneidung von Aufmerksamkeit vorliegt.
Um diese Ambiguität zu überwinden, bedarf es keiner Sprache, wohl aber einer Operation, an der geteilte Referenz explizit markierbar wird. Eine solche Operation muss vor-sprachlich möglich sein und zugleich eine klare epistemische Adressierung enthalten. Genau an diesem Punkt kann das soziale, genauer deklarative Zeigen als paradigmatischer Fall herangezogen werden. Es fungiert nicht als Ursprung intersubjektiver Ontologisierung, sondern als expliziter Marker einer epistemischen Schwelle, an der Ontologisierung nicht mehr nur koordiniert, sondern intersubjektiv adressiert wird.
5. Zeigen als paradigmatischer Marker intersubjektiver Meta-Ontologisierung
Das soziale Zeigen ist in diesem Zusammenhang nicht als exakter Entstehungspunkt intersubjektiver Meta-Ontologisierung zu verstehen. Gemeint ist auch nicht jede Form von Aufmerksamkeitslenkung oder imperativem Zeigen, wie sie auch bei nicht-menschlichen Tieren beobachtet werden kann. Im Zentrum steht vielmehr deklaratives Zeigen im engeren Sinn: ein Akt, in dem ein Akteur einem anderen etwas als gemeinsamen Bezugspunkt verfügbar macht. Zeigen wird hier daher nicht als empirischer Ursprung der Intersubjektivität behauptet, sondern als paradigmatischer Fall, an dem sich die Struktur intersubjektiver Ontologisierung besonders klar rekonstruieren lässt. Es ist nicht ausgeschlossen, dass entsprechende epistemische Strukturen bereits vor dem expliziten Zeigen wirksam sind oder in subtileren Formen auftreten. Zeigen fungiert vielmehr als ein explikativer Marker, an dem sichtbar wird, wie individuelle Stabilisierung in geteilte Bezugnahme übergehen kann. Diese Analyse schließt an Forschungen zu geteilter Aufmerksamkeit, geteilter Intentionalität und deklarativem Zeigen an, verwendet das Zeigen hier jedoch primär konzeptuell-funktional: Es dient nicht als vollständige empirische Ursprungsthese der Intersubjektivität, sondern als besonders klarer Fall, an dem die Struktur expliziter geteilter Bezugnahme rekonstruierbar wird (Tomasello 1999, 2008).
Der Fingerzeig kann als einfachstes und anschaulichstes Beispiel des Zeigens gelten, erschöpft aber nicht dessen Bedeutung. Zeigen ist hier keine rein motorische Geste und keine bloße primitive Vorform sprachlicher Kommunikation. Der Begriff wird funktional verstanden: Er bezeichnet jede vor-sprachliche oder vor-begriffliche Markierungsoperation, durch die ein Akteur einem anderen etwas als möglichen gemeinsamen Bezugspunkt verfügbar macht. Diese Markierung kann durch Fingerzeigen, Blickrichtung, Körperausrichtung, mimische Hervorhebung, körperliche Bewegung oder auch durch basale Laute erfolgen, sofern diese noch nicht als sprachlich fixierte Begriffe fungieren. Entscheidend ist nicht die konkrete Ausdrucksform, sondern die darin enthaltene deklarative Struktur gemeinsamer Bezugnahme: Etwas wird einem anderen nicht bloß angezeigt, sondern als möglicher gemeinsamer Bezugspunkt zugänglich gemacht. Epistemisch verstanden richtet Zeigen einen anderen auf einen bestimmten Weltbezug aus, weil dieser Weltbezug als gemeinsam relevant behandelt werden soll.
Diese Struktur setzt mehrere Voraussetzungen gleichzeitig voraus. Erstens muss das Gezeigte als ontologisch stabilisierte Bezugseinheit behandelt werden. Es genügt nicht, dass ein Reiz vorhanden ist; er muss als identifizierbarer und wiederaufnehmbarer Referenzpunkt fungieren. Zweitens muss der andere Akteur als Träger eigener Wahrnehmung, Erwartung und Bedeutungsbildung adressiert werden. Zeigen richtet sich nicht bloß an ein Reaktionssystem, sondern an ein epistemisches System. Drittens enthält Zeigen eine Meta-Erwartung: Ich erwarte nicht nur, dass du etwas wahrnimmst, sondern dass du nachvollziehst, worauf ich mich beziehe, und dass dieser Bezug für uns beide koordinationsrelevant werden kann.
In diesem Zusammenspiel wird eine neue Ebene der Ontologisierung sichtbar. Ontologische Stabilisierung wird nicht mehr nur individuell vollzogen, sondern intersubjektiv adressiert. Der andere wird als jemand behandelt, der selbst Bezugseinheiten stabilisiert und dessen Stabilisierung für die eigene epistemische Orientierung relevant ist. Genau diese operative Adressierung des anderen als mitstabilisierendes Erkenntnissystem wird hier als intersubjektive Meta-Ontologisierung bezeichnet. Damit ist keine begriffliche Reflexion über Ontologie gemeint, sondern eine vor-sprachliche Struktur gemeinsamer Bezugnahme, in der Ontologisierung beim anderen als koordinationsrelevant vorausgesetzt wird.
Der epistemische Gehalt des Zeigens liegt daher nicht primär in der Übertragung von Information, sondern in der expliziten Herstellung geteilter Referenz. Zeigen sagt nicht einfach „da ist etwas“, sondern macht etwas als möglichen gemeinsamen Bezugspunkt verfügbar. Diese gemeinsame Bezugnahme ist nicht absolut und nicht bereits theoretisch begründet, aber sie ist intersubjektiv markiert. Sie schafft einen Referenzrahmen, der über bloße Ko-Orientierung hinausgeht und weitere Stabilisierung ermöglicht.
Wichtig ist, dass diese Explizitheit ohne Sprache erreicht werden kann. Zeigen benötigt keine Begriffe, keine syntaktische Struktur und keine propositionalen Inhalte. Gerade dadurch eignet es sich als epistemischer Marker. Es zeigt, dass minimale intersubjektive Ontologisierung nicht aus Sprache hervorgehen muss, sondern dieser in einer bestimmten Hinsicht vorausliegen kann. Sprache kann geteilte Referenz ausbauen, verfeinern, korrigieren und fixieren; sie muss jedoch nicht erst aus dem Nichts erzeugen, dass etwas zwischen Akteuren als gemeinsamer Bezugspunkt verfügbar wird.
Mit dem sozialen Zeigen verändert sich zugleich die Dynamik ontologischer Stabilisierung. Was gezeigt wird, wird nicht nur individuell wahrgenommen, sondern sozial exponiert. Abweichungen werden sichtbar, Missverständnisse möglich, Korrekturen relevant. Ontologisierung erhält damit eine neue Robustheit, aber auch eine neue Verletzlichkeit. Sie wird zu einer Angelegenheit gemeinsamer Erwartung und möglicher Korrektur, nicht bloß individueller Stabilisierung.
In diesem Sinne markiert Zeigen keinen absoluten Ursprung der Intersubjektivität, sondern einen besonders klaren Punkt epistemischer Explizitheit. Es macht sichtbar, was in subtileren Formen bereits angelegt sein kann: Erkenntnis stabilisiert nicht nur individuell, sondern kann intersubjektiv koordiniert, adressiert und korrigiert werden. Mit dem deklarativen Zeigen wird diese Koordination als Herstellung geteilter Referenz epistemisch eindeutig rekonstruierbar, noch bevor sie sprachlich fixiert wird.
6. Sprache als sekundäre Fixierung
Die Analyse des Zeigens macht deutlich, dass minimale intersubjektive Ontologisierung nicht aus Sprache hervorgehen muss, sondern ihr in einer bestimmten Hinsicht vorausliegen kann. Sprache tritt nicht dort erstmals auf den Plan, wo überhaupt Bezugnahme entsteht, sondern dort, wo bereits stabilisierte oder stabilisierbare Bezugseinheiten über Situationen hinweg wiederaufgenommen, generalisiert und korrigierbar gemacht werden. Ihre epistemische Funktion besteht daher nicht im Ursprung jeder Ontologisierung, sondern in der Fixierung, Erweiterung und Reproduzierbarkeit bereits verfügbarer Referenzstrukturen.
Sprache stabilisiert, was in vorsprachlicher oder situativer Bezugnahme bereits als gemeinsamer Bezugspunkt verfügbar werden kann. Während Zeigen eine situativ gebundene Herstellung geteilter Referenz ermöglicht, erlaubt Sprache die Ablösung dieser Referenz von der konkreten Situation. Ein Bezugspunkt muss sprachlich nicht unmittelbar anwesend sein, um gemeinsam behandelt, erinnert, verglichen oder weiterverarbeitet zu werden. Zwar kann ein einzelnes Erkenntnissystem Bezugseinheiten auch ohne Sprache erinnern, vorstellen, vergleichen oder kombinieren. Sprache macht diese Leistung jedoch intersubjektiv verfügbar: Sie erlaubt es, Bezugseinheiten gemeinsam zu behandeln, zu wiederholen, zu korrigieren und in stabilere Ordnungen einzubetten, auch wenn sie im aktuellen Vollzug nicht gemeinsam gegeben sind oder zuvor noch nicht gemeinsam stabilisiert wurden. Begriffe fungieren dabei als wiederverwendbare Marker ontologischer Bezugseinheiten und konservieren Stabilisierung über Zeit, Kontext und soziale Reichweite hinweg. Ontologisierung wird dadurch nicht ursprünglich erzeugt, sondern verstetigt, erweitert und für komplexere Zusammenhänge anschlussfähig gemacht.
Diese Verstetigung hat erhebliche epistemische Leistungen. Sprachlich fixierte Referenzen erlauben es, ontologische Setzungen über Situationen hinweg zu teilen, zu reproduzieren und in komplexe Zusammenhänge einzubetten. Zugleich verändert diese Fixierung die Dynamik der Revision. Was sprachlich stabilisiert ist, erscheint weniger vorläufig als das, was nur im situativen Vollzug geteilt wird. Die Möglichkeit zur Anpassung bleibt zwar prinzipiell erhalten, wird jedoch mit zunehmender sprachlicher Verfestigung aufwendiger. Sprache erhöht damit nicht nur die Reichweite ontologischer Stabilisierung, sondern verändert auch deren Revisionsbedingungen.
Gegenüber sprachphilosophischen Ansätzen, die Bedeutung wesentlich aus Gebrauch, Regelzusammenhängen und sozialer Praxis verstehen, wäre es zu schwach, Sprache nur als nachträgliches Etikett bereits fertiger Ontologien zu behandeln (Wittgenstein 1953). Für komplexe, theoretische, institutionelle und wissenschaftliche Ontologien kann Sprache selbst konstitutiv werden, weil sie Bezugseinheiten nicht nur benennt, sondern stabilisiert, differenziert, verknüpft, von unmittelbarer Kopräsenz löst und in intersubjektiv bearbeitbare Ordnungen überführt. Sekundär ist Sprache daher nicht im Sinn bloßer Äußerlichkeit, sondern nur gegenüber der minimalen Möglichkeit geteilter Referenz. Sobald diese Möglichkeit gegeben ist, kann Sprache Ontologisierung erheblich verdichten und neue Formen ontologischer Stabilisierung hervorbringen.
Gleichzeitig verändert Sprache den Status ontologischer Stabilisierung. Was sprachlich fixiert ist, erscheint weniger vorläufig als das, was nur im Vollzug geteilt wird. Begriffe stabilisieren Dauer, Wiederholbarkeit und soziale Anschlussfähigkeit und können dadurch den Eindruck von Unabhängigkeit vom jeweiligen Erkenntnisakt erzeugen. Ontologische Bezugseinheiten gewinnen damit eine scheinbare Objektivität, die über ihre funktionale Rolle hinausweist. Diese Verschiebung berührt den Bereich der Immanentisierung, ohne mit ihr identisch zu sein: Sprachliche Fixierung macht Bezugseinheiten wiederholbar und sozial verfügbar; Immanentisierung setzt dort ein, wo stabilisierte Ordnung so sehr zur latenten Voraussetzung weiterer Orientierung wird, dass ihre operative Herkunft nicht mehr mitgeführt wird.
Diese Verschiebung ist epistemisch ambivalent. Einerseits ermöglicht sie Wissenschaft, Institutionen und komplexe soziale Ordnungen. Andererseits kann sie den operativen Ursprung ontologischer Setzungen verdecken. Sprache macht Ontologisierung nicht einfach unsichtbar, aber sie kann ihre Ergebnisse so stabilisieren, dass sie wie selbstverständliche Bestandteile der Welt erscheinen. Was ursprünglich als funktionale Stabilisierung entstand, wird dann nicht mehr als Setzung im epistemischen Vollzug erkannt, sondern als gegebene Ordnung weiterverwendet.
Wichtig ist daher, Sprache nicht als epistemischen Ursprung, aber auch nicht als bloß äußerliche Zusatzschicht zu verstehen. Sie verdichtet intersubjektive Ontologisierung, erhöht ihre Reichweite, erweitert ihre Bearbeitbarkeit und verändert ihre Revisionsbedingungen. Damit verstärkt sie sowohl die Leistungsfähigkeit als auch das Fehlfunktionspotenzial ontologischer Strukturen. Ihre Wirkung besteht nicht darin, Ontologisierung aus dem Nichts zu erzeugen, sondern darin, vorhandene Bezugnahmen zu stabilisieren und in komplexere Formen zu überführen.
Für die vorliegende Argumentation bedeutet dies: Die epistemische Schwelle liegt nicht in der Sprachfähigkeit selbst, sondern in der vorgängigen Fähigkeit, Ontologisierung intersubjektiv explizit oder zumindest koordinierbar zu machen. Sprache ist eine Fortsetzung und Verdichtung dieser Fähigkeit, nicht ihre minimale Bedingung. Erst vor diesem Hintergrund lässt sich verstehen, warum ontologische Fehlfunktionen historisch oft mit Sprache, Begriffen und Theorien identifiziert werden, obwohl ihr Ursprung tiefer liegt: Sprache ist nicht der Ursprung der Ontologisierung, aber sie ist eine ihrer wirksamsten Formen der Stabilisierung und Verfestigung.
Ontologisierung endet daher nicht mit der Etablierung sprachlicher Fixierungen. Sie setzt sich auf weiteren Ebenen fort, insbesondere dort, wo sprachlich stabilisierte Referenzen in explizite theoretische Weltmodelle überführt werden. Ontologische Positionen sind in diesem Sinne keine Alternative zur Ontologisierung, sondern hochstabilisierte Fortsetzungen desselben epistemischen Mechanismus, mit entsprechend gesteigerter Reichweite und erhöhtem Fehlfunktionspotenzial.
Die nächste Frage lautet daher nicht, ob Ontologisierung notwendig ist, sondern unter welchen Bedingungen sie ihre funktionale Rolle verliert. Diese Frage führt zur systematischen Analyse der Fehlfunktion der Ontologisierung, die nicht trotz, sondern aufgrund ihrer intersubjektiven und sprachlichen Stabilisierung entstehen kann.
7. Die Fehlfunktion der Ontologisierung
Ontologisierung ist eine notwendige epistemische Operation. Gerade deshalb ist ihre Fehlfunktion kein äußerlicher Störfall, sondern eine strukturell mögliche Konsequenz ihres Erfolgs. Ontologisierung wird nicht dadurch problematisch, dass sie stattfindet, sondern dadurch, dass ihr funktionaler Charakter verdeckt oder verkannt wird. Die zentrale Fehlform, die hier untersucht wird, ist die Verabsolutierung: epistemische Stabilisierung erscheint nicht mehr als vorläufige Bezugnahme, sondern als endgültige Beschreibung dessen, was wirklich ist.
Funktional verstanden dient Ontologisierung der Reduktion von Komplexität. Sie stabilisiert Erfahrungszusammenhänge, um Wahrnehmung, Erinnerung, Erwartung und Handeln zu ermöglichen. Diese Stabilisierung ist stets kontextabhängig, begrenzt und prinzipiell revidierbar, auch wenn sie im Vollzug als selbstverständlich erlebt wird. Ontologisierung ist in diesem Sinn ein Mittel epistemischer Orientierung, nicht ihr letztes Ziel.
Die Fehlfunktion setzt ein, wenn dieser Mittelcharakter unsichtbar wird. Ontologische Setzungen werden dann nicht mehr als funktionale Stabilisierungen behandelt, sondern als endgültige Wirklichkeitsbeschreibungen. Anpassungen erscheinen nicht mehr als Korrekturen begrenzter Stabilisierung, sondern als Infragestellung dessen, was als wirklich gilt. Die epistemische Stabilisierung blockiert damit genau jene Anpassungsfähigkeit, deren Ermöglichung ihre ursprüngliche Funktion war, und kippt von einer Entlastungsleistung in eine Quelle epistemischer Starre.
Diese Verabsolutierung ist kein bloß individueller Irrtum, sondern kann durch intersubjektive, sprachliche und institutionelle Stabilisierung verstärkt werden. Je stärker ontologische Setzungen sozial geteilt, sprachlich fixiert und institutionell verankert sind, desto höher werden die Kosten ihrer Revision. Abweichungen erscheinen dann nicht mehr als Hinweise auf begrenzte Stabilisierung, sondern als Fehler, Irrtümer oder Bedrohungen der gemeinsamen Ordnung. Ontologisierung gewinnt dadurch keine normative Geltung im eigenständigen Sinn, aber eine soziale Bindungswirkung, die ihre Korrektur erschwert.
Besonders deutlich wird diese Dynamik im Zusammenhang mit Sprache. Sprachlich fixierte Ontologien können unabhängig von ihrem Entstehungskontext erscheinen. Begriffe stabilisieren Dauer, Wiederholbarkeit und soziale Anschlussfähigkeit; gerade dadurch können sie den operativen Ursprung ontologischer Setzungen verdecken. Hier berührt sprachliche Fixierung den Bereich der Immanentisierung: Stabilisierung wird so selbstverständlich mitgeführt, dass sie nicht mehr als eigene Operation sichtbar bleibt. Fehlfunktion entsteht jedoch erst dort, wo diese verdeckte Stabilisierung nicht mehr revidierbar gehalten wird, sondern als endgültige Wirklichkeitsordnung erscheint.
Die Fehlfunktion besteht daher nicht einfach darin, dass ontologische Stabilisierung „zu weit“ geht. Sie besteht darin, dass Stabilisierung nicht mehr als Stabilisierung erkannt wird. Das Erkenntnissystem verliert die Fähigkeit, zwischen funktionaler Setzung und ontologischer Behauptung zu unterscheiden. Revision wird nicht mehr als Anpassung eines begrenzten Bezugsrahmens verstanden, sondern als Infragestellung der Wirklichkeit selbst erlebt.
Wichtig ist, dass diese Fehlfunktion nicht durch den Verzicht auf Ontologisierung vermeidbar ist. Ein solches System wäre nicht handlungsfähig. Die Alternative zur Verabsolutierung ontologischer Setzungen ist daher nicht ihre Abschaffung, sondern ihre funktionale Re-Interpretation und kontrollierte Revisionsfähigkeit (Rapp 2026e). Ontologien müssen als das begriffen werden, was sie epistemisch sind: vorläufige, kontextabhängige Stabilisierungen mit begrenzter Geltung, deren Tragfähigkeit von ihrer Revisionsfähigkeit nicht abgelöst werden darf.
Die Analyse der Fehlfunktion macht damit sichtbar, warum Ontologie historisch sowohl unverzichtbar als auch problematisch war. Sie erklärt, warum ontologische Systeme Erkenntnis ermöglichen und zugleich blockieren können. Diese Ambivalenz ist kein Widerspruch, sondern Ausdruck derselben epistemischen Grundoperation, die unter unterschiedlichen Bedingungen funktional oder fehlfunktional wirkt.
Damit schließt sich der argumentative Kreis: Ontologisierung ist notwendig, intersubjektiv wirksam, sprachlich verstärkbar und epistemisch riskant. Ihre produktive wie ihre problematische Seite lassen sich jedoch nur dann verstehen, wenn sie nicht als metaphysische Aussage, sondern als Operation endlicher Erkenntnissysteme analysiert wird.
8. Ontologisierung als notwendige und riskante Stabilisierung
Die vorliegende Arbeit verfolgte das Ziel, Ontologisierung nicht als metaphysische Disziplin, sondern als epistemische Grundoperation zu rekonstruieren. Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass philosophische Debatten über Ontologie überwiegend deren Ergebnisse problematisieren, nicht jedoch den Prozess, durch den ontologische Stabilisierung überhaupt zustande kommt. Diese Leerstelle wurde hier durch eine funktionale Analyse geschlossen.
Ontologisierung wurde als notwendige Entlastungsleistung endlicher Erkenntnissysteme beschrieben. Sie stabilisiert eine dynamische Erfahrungswelt, indem sie Bezugseinheiten als identifizierbar, wiederaufnehmbar und referenzfähig verfügbar macht. Diese Stabilisierung ist nicht wahrheitsfähig im klassischen Sinn, sondern funktional notwendig unter endlichen Bedingungen. Ontologien sind demnach keine unmittelbaren Beschreibungen einer unabhängigen Wirklichkeit, sondern epistemische Mittel zur Ermöglichung von Wahrnehmung, Erinnerung, Erwartung, Handlung und späterer Prüfung von Wahrheitsansprüchen.
Ein zentrales Ergebnis der Analyse ist die Unterscheidung zwischen individueller und intersubjektiver Ontologisierung. Während individuelle Ontologisierung primär der internen Kohärenz eines Systems dient, verändert sich ihre Struktur grundlegend, sobald sie sozial geteilt wird. Intersubjektive Stabilisierung erhöht Reichweite, Dauer und soziale Bindungswirkung ontologischer Setzungen, senkt Koordinationskosten, erhöht jedoch zugleich die Kosten ihrer Revision. Damit wird Ontologisierung zu einer konstitutiven Operation geteilter epistemischer Realität, ohne mit dieser identisch zu sein.
Der Übergang zu expliziter Intersubjektivität wurde anhand des sozialen Zeigens präzisiert. Zeigen fungiert dabei nicht als Ursprung intersubjektiver Ontologisierung, sondern als paradigmatischer Marker, an dem ihre Struktur besonders klar rekonstruierbar wird. In der Herstellung geteilter Referenz wird der andere Akteur als epistemisches System adressiert, das selbst Bezugseinheiten stabilisiert. Damit wird eine Ebene erreicht, auf der Ontologisierung nicht mehr nur individuell vollzogen, sondern intersubjektiv adressiert wird, noch vor jeder sprachlichen Fixierung.
Die Analyse der Sprache als sekundärer Fixierungsschicht verdeutlichte, dass Sprache minimale Ontologisierung nicht aus dem Nichts erzeugt, sie aber erheblich verdichtet, erweitert und reproduzierbar macht. Durch Begriffe werden ontologische Setzungen von ihrem Entstehungskontext gelöst, generalisiert, sozial konserviert und in komplexe Zusammenhänge eingebettet. Für theoretische, institutionelle und wissenschaftliche Ontologien ist Sprache daher nicht bloß äußerliche Benennung, sondern eine zentrale Stabilisierungsschicht. Gerade diese Leistung trägt jedoch dazu bei, den operativen Ursprung ontologischer Setzungen zu verdecken.
Vor diesem Hintergrund konnte die Fehlfunktion der Ontologisierung präzise bestimmt werden. Sie liegt nicht in der Existenz ontologischer Stabilisierung, sondern in ihrer Verabsolutierung. Wenn funktionale Setzungen als endgültige Beschreibungen der Wirklichkeit missverstanden werden, blockieren sie genau jene Anpassungs- und Prüfprozesse, deren Ermöglichung ihre ursprüngliche Funktion war. Diese Fehlfunktion ist kein individueller Irrtum, sondern kann durch intersubjektive, sprachliche und institutionelle Stabilisierung systematisch verstärkt werden.
Insgesamt zeigt die Arbeit, dass Ontologisierung zugleich unverzichtbar und epistemisch riskant ist. Sie ist eine notwendige Stabilisierung unter endlichen Bedingungen, durch die Wahrnehmung, Erinnerung, Handlung, Referenz und gemeinsame Orientierung erst möglich werden. Zugleich erzeugt gerade diese Stabilisierung die strukturelle Möglichkeit ihrer Fehlfunktion, wenn sie nicht mehr als vorläufige epistemische Operation verstanden wird. Ontologisierung ist damit weder zu verwerfen noch zu verabsolutieren, sondern in ihrer funktionalen Rolle ernst zu nehmen. Nur unter dieser Perspektive lässt sich erklären, warum ontologische Setzungen Erkenntnis ermöglichen und zugleich blockieren können, ohne dass darin ein Widerspruch liegt.
Die hier entwickelte Perspektive eröffnet weiterführende Fragen. Erstens ist das Verhältnis von Ontologisierung und Immanentisierung genauer zu bestimmen: Ontologisierung macht Bezugseinheiten referenzfähig, während Immanentisierung stabilisierte Ordnung so sehr zur latenten Voraussetzung weiterer Orientierung werden lässt, dass ihre operative Herkunft nicht mehr mitgeführt wird. Zweitens ist zu klären, wie ontologische Stabilisierung in funktional-empirischen Kontexten unter zusätzlicher Belastung durch Messung, Experiment, technische Reproduzierbarkeit, praktische Wirksamkeit und wissenschaftliche Korrektur verändert wird. Die funktional-empirische Domäne bildet dabei keine eigene Quelle der Ontologisierung, sondern eine zusätzliche Belastungs- und Korrekturebene: Ontologische Bezugseinheiten müssen sich hier nicht nur subjektiv oder intersubjektiv stabilisieren, sondern unter Bedingungen reproduzierbarer Wirksamkeit und korrigierbarer Prüfung bewähren. Drittens stellt sich die Frage, wie ontologische Setzungen in geteilten epistemischen Realitäten historisch verstetigt, institutionell abgesichert und unter steigenden Belastungs- und Korrekturkosten wieder revidierbar gemacht werden können.
Abschließend lässt sich festhalten: Ontologisierung ist kein Randthema der Metaphysik, sondern ein zentraler Bestandteil epistemischer Architektur. Ihre Explikation ist daher kein Spezialproblem philosophischer Theorie, sondern ein Beitrag zur Klärung der Bedingungen, unter denen Erkenntnis, Intersubjektivität, Wahrheitsansprüche und Revision überhaupt möglich werden.
Begriffskanon dieses Papers
Ontologisierung als epistemische Grundoperation
Der folgende Begriffskanon dient der Stabilisierung zentraler Bedeutungen innerhalb dieses Textes und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder endgültige Systematik. Begriffe, die hier nicht aufgeführt sind, gehören entweder nicht zum Funktionskern dieses Papers oder werden in separaten Arbeiten behandelt.
Der Begriffskanon ist als explizit stabilisierte Referenzbasis zu verstehen. Er bildet den Ausgangspunkt für die begriffliche Arbeit dieses Papers, ist jedoch nicht starr oder dogmatisch. Veränderungen, Präzisierungen oder Erweiterungen des Kanons sind prinzipiell möglich, unterliegen jedoch einer strikten Bedingung: Jede Abweichung, Modifikation oder Erweiterung des Kanons muss ausdrücklich ausgewiesen, lokal begrenzt und begründet erfolgen. Implizite Bedeutungsverschiebungen, stille Erweiterungen oder rückwirkende Umdeutungen sind ausgeschlossen.
Übernahme des Epistemik-Basiskanons
Dieses Paper übernimmt den im Epistemik-Basispaper Epistemik – Modellmanagement unter endlichen Bedingungen definierten Begriffskanon als unveränderte Referenzbasis. Die dort eingeführten Begriffe werden ohne Umdeutung und ohne implizite Verschiebung ihrer funktionalen Bedeutung verwendet. Dieses Paper führt keine abweichenden Definitionen der übernommenen Kanonbegriffe ein.
Kanonische Abweichungen oder Modifikationen
Dieses Paper führt keine Abweichungen, Modifikationen oder Refinements des Epistemik-Basiskanons ein. Alle übernommenen Kanonbegriffe werden strikt im Sinne des Basispapers verwendet.
Ontologisierungsspezifische Kanon-Erweiterungen
Dieses Paper führt zusätzlich zum übernommenen Epistemik-Basiskanon einige ontologisierungsspezifische Begriffe ein. Diese Erweiterungen verändern die Bedeutung des Basiskanons nicht, sondern präzisieren die funktionale Analyse epistemischer Stabilisierung im Übergang von individueller zu intersubjektiver Ontologisierung.
Die Rede von Endlichkeit wird hier im Anschluss an den Epistemik-Basiskanon lokal präzisiert: Sie bezeichnet den strukturellen Mangel vollständig verfügbarer Ordnung, aufgrund dessen Erkenntnissysteme unterscheiden, stabilisieren und wiederaufnehmen müssen.
Ontologisierung
Kurzdefinition: Besondere Form epistemischer Stabilisierung, durch die ein endliches Erkenntnissystem etwas als identifizierbare, wiederaufnehmbare und referenzfähige Bezugseinheit behandelt.
Funktion: Ermöglicht Wahrnehmung, Wiedererkennbarkeit, Erinnerung, Erwartungsbildung und Handlungsfähigkeit, indem dynamische Erfahrung unter Bedingungen struktureller Endlichkeit in stabile Bezugspunkte überführt wird.
Abgrenzung: Keine metaphysische Aussage über Sein; kein Wahrheitskriterium; kein ontologischer Status. Nicht jede Stabilisierung ist bereits Ontologisierung, sondern nur jene Stabilisierung, durch die etwas als Bezugseinheit verfügbar wird. Ontologisierung ist als Operation domänenübergreifend; ihre konkrete Stabilitätsform, Geltung und Revisionsfähigkeit sind jedoch domänenspezifisch bestimmt.
Ontologische Bezugseinheit
Kurzdefinition: Als stabil behandelte Bezugseinheit, die im epistemischen Vollzug als identifizierbar, wiederaufnehmbar und referenzfähig fungiert.
Funktion: Träger von Referenz, Erwartungskontinuität, Vergleich, Orientierung und Koordination.
Abgrenzung: Kein Abbild einer unabhängigen Wirklichkeit; keine Invarianzbehauptung; nicht auf Gegenstände im engen Sinn beschränkt. Auch Eigenschaften, Relationen, Ereignisse, Rollen, Praktiken oder Prozesszusammenhänge können ontologisch stabilisiert werden.
Geteilte Aufmerksamkeit
Kurzdefinition: Koordinierte Ausrichtung epistemischer Relevanz zwischen mehreren Akteuren.
Funktion: Ermöglicht die Kopplung individueller Ontologisierungen als Voraussetzung geteilter Referenz.
Abgrenzung: Nicht identisch mit gemeinsamen Überzeugungen; nicht sprachabhängig; noch keine voll ausgebildete geteilte Referenz.
Geteilte Referenz
Kurzdefinition: Implizit oder explizit hergestellte Gemeinsamkeit, dass etwas für mehrere Akteure als derselbe Bezugspunkt verfügbar wird.
Funktion: Stabilisiert intersubjektive Koordination, Erwartungssicherheit und gemeinsame Korrigierbarkeit.
Abgrenzung: Keine metaphysische Identität; keine Garantie gleicher Bedeutungszuschreibungen; mehr als bloße Ko-Orientierung.
Deklaratives Zeigen
Kurzdefinition: Vor-sprachliche oder vor-begriffliche Markierungsoperation, durch die ein Akteur einem anderen etwas als möglichen gemeinsamen Bezugspunkt verfügbar macht.
Funktion: Paradigmatischer Marker, an dem die Struktur intersubjektiver Ontologisierung besonders klar rekonstruierbar wird.
Abgrenzung: Kein empirischer Ursprung der Intersubjektivität; keine bloße Aufmerksamkeitslenkung; keine primitive Sprachform. Der Fingerzeig kann als einfachstes Beispiel gelten, erschöpft aber nicht die Bedeutung des Zeigens. Zeigen markiert eine Schwelle epistemischer Explizitheit, ohne auszuschließen, dass subtilere Formen intersubjektiver Ontologisierung bereits vorher wirksam sind.
Intersubjektive Meta-Ontologisierung
Kurzdefinition: Operative Adressierung des anderen als eines epistemischen Systems, das seinerseits Bezugseinheiten stabilisiert und dessen Stabilisierung für gemeinsame Orientierung relevant ist.
Funktion: Macht sichtbar, dass Ontologisierung nicht nur individuell vollzogen, sondern intersubjektiv adressiert und koordinationsrelevant werden kann.
Abgrenzung: Kein Theoretisieren über Ontologie; keine begriffliche Selbstreflexion; keine notwendige Sprachform. Der Begriff bezeichnet eine lokale ontologisierungsspezifische Erweiterung und meint eine vor-sprachliche Struktur gemeinsamer Bezugnahme.
Sprachliche Fixierung
Kurzdefinition: Sekundäre, aber wirkmächtige Stabilisierungsschicht, durch die ontologische Bezugseinheiten über Situation und Zeit hinweg konserviert, generalisiert und bearbeitbar gemacht werden.
Funktion: Erhöht Reichweite, Dauer, Differenzierbarkeit, soziale Anschlussfähigkeit und Reproduzierbarkeit ontologischer Bezugspunkte. Ermöglicht außerdem die Behandlung abwesender Bezugspunkte und die konstruktive Verknüpfung von Bezugseinheiten, die im aktuellen Vollzug nicht gemeinsam gegeben sind.
Abgrenzung: Nicht Ursprung minimaler Ontologisierung; keine bloß äußerliche Benennung. Sprache kann komplexe, theoretische, institutionelle und wissenschaftliche Ontologien erheblich mitkonstituieren, erzeugt jedoch nicht die minimale Möglichkeit geteilter Referenz aus dem Nichts. Sie macht individuelle Kombinationsleistungen intersubjektiv verfügbar, ohne selbst Ursprung jeder kognitiven Kombination zu sein.
Immanentisierung im Kontext dieses Papers
Kurzdefinition: Immanentisierung bezeichnet nicht die Herstellung referenzfähiger Bezugseinheiten, sondern eine Stabilisierungslage, in der stabilisierte Ordnung zur latenten Voraussetzung weiterer Orientierung wird.
Funktion: Markiert eine Anschlussstelle, an der ontologische Stabilisierung so selbstverständlich mitgeführt wird, dass ihre operative Herkunft nicht mehr ausdrücklich sichtbar bleibt.
Abgrenzung: Ontologisierung macht Bezugseinheiten referenzfähig; Immanentisierung macht stabilisierte Ordnung zur vorausgesetzten Betriebsbedingung weiterer Orientierung. Sprachliche Fixierung kann Immanentisierung vorbereiten oder berühren, ist aber nicht mit ihr identisch.
Verabsolutierung
Kurzdefinition: Fehlform, in der funktionale ontologische Setzungen als endgültige Beschreibungen der Wirklichkeit behandelt werden.
Funktion: Diagnosebegriff für blockierte Revision, epistemische Verfestigung und den Verlust der Unterscheidung zwischen funktionaler Setzung und ontologischer Behauptung.
Abgrenzung: Keine moralische Schuldzuweisung; keine bloße starke Stabilisierung; keine notwendige Folge jeder Ontologisierung. Verabsolutierung bezeichnet jene Fehlform, in der Stabilisierung nicht mehr als Stabilisierung erkannt und dadurch nicht mehr angemessen revidierbar gehalten wird.
Kanonischer Status und Geltungsbereich
Die in diesem Paper eingeführten ontologisierungsspezifischen Begriffe stellen eine explizite kanonische Erweiterung des Epistemik-Rahmens dar. Sie sind für den Geltungsbereich dieses Papers stabilisiert und können in nachfolgenden Arbeiten als Referenzbegriffe verwendet werden, sofern ihre Verwendung ausdrücklich kenntlich gemacht wird. Jede zukünftige Abweichung, Präzisierung oder weitergehende Erweiterung unterliegt der im Epistemik-Basispaper festgelegten Metaregel kanonischer Entwicklung. Implizite Bedeutungsverschiebungen oder informelle Kanonerweiterungen sind ausgeschlossen.
Literatur
Husserl, Edmund. 1970. The Crisis of European Sciences and Transcendental Phenomenology. Translated by David Carr. Evanston, IL: Northwestern University Press.
Kant, Immanuel. 1998. Critique of Pure Reason. Translated and edited by Paul Guyer and Allen W. Wood. Cambridge: Cambridge University Press. Originally published 1781/1787.
Mead, George Herbert. 1934. Mind, Self, and Society. Edited by Charles W. Morris. Chicago: University of Chicago Press.
Rapp, Stefan. 2026a. Die intersubjektive Domäne: Intersubjektive Bedingtheit, Wiederaufnahme und gemeinsame Anschlussfähigkeit unter endlichen Bedingungen. Zenodo. https://doi.org/10.5281/zenodo.20313742.
Rapp, Stefan. 2026b. Epistemik: Modellmanagement unter endlichen Bedingungen. Zenodo. https://doi.org/10.5281/zenodo.18441301.
Rapp, Stefan. 2026c. Geteilte epistemische Realität: Intersubjektive Stabilisierung, Referenz und Geltung unter endlichen Bedingungen. Zenodo. https://doi.org/10.5281/zenodo.20353781.
Rapp, Stefan. 2026d. Realismus ohne Außen: Erkenntnisrelativer Realismus und die Grenze positiver Bestimmbarkeit. Zenodo. https://doi.org/10.5281/zenodo.20107874.
Rapp, Stefan. 2026e. Revision unter endlichen Bedingungen: Eine Theorie der Modelltransformation in der Epistemik. Zenodo. https://doi.org/10.5281/zenodo.18935785.
Tomasello, Michael. 1999. The Cultural Origins of Human Cognition. Cambridge, MA: Harvard University Press.
Tomasello, Michael. 2008. Origins of Human Communication. Cambridge, MA: MIT Press.
Wittgenstein, Ludwig. 1953. Philosophical Investigations. Translated by G. E. M. Anscombe. Oxford: Blackwell.
Didaktischer Appendix: Beispiele zur Ontologisierung
Die folgenden Beispiele dienen ausschließlich der Veranschaulichung. Sie sind keine zusätzlichen Beweise der im Haupttext entwickelten Theorie und ersetzen keine systematische Argumentation. Ihr Zweck besteht darin, die abstrakten Begriffe des Papers an einfachen Fällen nachvollziehbar zu machen: Ontologisierung als Stabilisierung referenzfähiger Bezugseinheiten, intersubjektive Ontologisierung als geteilte Bezugnahme, sprachliche Fixierung als Verstetigung und Verabsolutierung als mögliche Fehlfunktion.
A.1 Der Stein auf dem Weg
Ein kognitives System nimmt in einem wechselnden Wahrnehmungsfeld eine stabile Bezugseinheit wahr: einen Stein auf dem Weg. Sensorisch verändert sich dieser Stein ständig. Er erscheint aus verschiedenen Blickwinkeln anders, wird unterschiedlich beleuchtet, liegt teilweise im Schatten oder wird nur am Rand des Blickfeldes erfasst. Trotzdem wird er als „derselbe Stein“ behandelt.
Genau darin liegt eine einfache Form von Ontologisierung. Das System stabilisiert eine dynamische Erfahrungsfolge zu einer wiederaufnehmbaren Bezugseinheit. Der Stein muss nicht metaphysisch als Ding an sich erkannt werden. Es genügt, dass er funktional als hinreichend identisch behandelt wird, um Orientierung und Handlung zu ermöglichen: Man kann ihm ausweichen, ihn aufheben oder später wiedererkennen.
Dieses Beispiel zeigt Ontologisierung auf subjektiver Ebene. Sie erzeugt keine Aussage über das Sein des Steins unabhängig vom Erkenntnissystem, sondern macht eine stabile Bezugseinheit verfügbar, an der Wahrnehmung, Erinnerung und Handlung ausgerichtet werden können.
A.2 Deklaratives Zeigen
Ein Kind zeigt auf einen Vogel am Himmel. Es will nicht bloß eine Reaktion auslösen und auch nicht einfach Aufmerksamkeit erzwingen. Es macht einem anderen etwas als gemeinsamen Bezugspunkt verfügbar: „Sieh, das dort.“
Dabei geschieht mehr als bloße Aufmerksamkeitslenkung. Das Kind behandelt den anderen als ein epistemisches System, das ebenfalls etwas sehen, wiedererkennen und als gemeinsamen Bezugspunkt aufnehmen kann. Der Vogel wird nicht nur individuell wahrgenommen, sondern intersubjektiv adressiert.
Dieses Beispiel zeigt, warum deklaratives Zeigen im Paper als paradigmatischer Marker verstanden wird. Es ist nicht der Ursprung der Intersubjektivität und nicht der Beweis ihrer Entstehung. Aber am Zeigen wird besonders klar sichtbar, wie individuelle Stabilisierung in geteilte Referenz übergehen kann.
A.3 Der Name „Hund“
Ein Kind sieht wiederholt ein bestimmtes Tier und lernt das Wort „Hund“. Durch das Wort wird die Bezugseinheit nicht erstmals aus dem Nichts erzeugt. Bereits vorher konnte das Tier gesehen, verfolgt, wiedererkannt oder von anderen Dingen unterschieden werden. Sprache verändert jedoch die Stabilisierung.
Der Begriff „Hund“ macht die Bezugnahme wiederholbar, übertragbar und sozial anschlussfähig. Verschiedene Tiere können unter einer gemeinsamen Bezeichnung zusammengefasst werden. Andere Akteure können korrigieren: „Das ist kein Hund, das ist ein Wolf.“ Dadurch wird die Ontologisierung sprachlich fixiert und zugleich revisionsfähig gehalten.
Dieses Beispiel zeigt die doppelte Rolle der Sprache. Sie ist nicht der Ursprung minimaler Ontologisierung, aber sie verdichtet und erweitert sie erheblich. Sie macht Bezugseinheiten über Situationen hinweg verfügbar und ermöglicht dadurch komplexere Ordnungen, Korrekturen und gemeinsame Unterscheidungen.
A.4 Eine soziale Rolle: „Lehrer“
Eine Person wird in einer Schule als „Lehrer“ behandelt. Diese Rolle ist keine bloße Wahrnehmungseinheit wie ein Stein oder ein Tier. Sie entsteht durch soziale Erwartungen, institutionelle Regeln, wiederholte Praxis und sprachliche Markierung.
Trotzdem handelt es sich um eine ontologische Bezugseinheit im erweiterten Sinn. „Lehrer“ bezeichnet eine stabilisierte soziale Rolle, an der Erwartungen, Rechte, Pflichten und Handlungen ausgerichtet werden. Schüler, Eltern, Kollegien und Institutionen behandeln diese Rolle als wiederaufnehmbar und referenzfähig.
Hier zeigt sich intersubjektive Ontologisierung besonders deutlich. Die Rolle ist nicht bloß subjektiv erlebt, sondern sozial stabilisiert. Ihre Geltung hängt nicht an metaphysischer Dinghaftigkeit, sondern an wiederholbarer sozialer Anschlussfähigkeit. Zugleich steigen die Revisionskosten: Eine Änderung der Rolle betrifft nicht nur eine einzelne Wahrnehmung, sondern ein ganzes Erwartungsgefüge.
A.5 Ein wissenschaftlicher Gegenstand: „Elektron“
Ein Elektron ist keine Bezugseinheit, die im Alltag einfach gesehen wird. Es wird durch Messverfahren, theoretische Modelle, experimentelle Reproduzierbarkeit und technische Wirksamkeit stabilisiert. Dennoch fungiert es wissenschaftlich als referenzfähige Einheit.
In der funktional-empirischen Domäne zeigt sich eine besondere Belastungsform der Ontologisierung. Eine Bezugseinheit muss hier nicht nur subjektiv erlebbar oder intersubjektiv benennbar sein. Sie muss sich unter Bedingungen von Messung, technischer Reproduzierbarkeit, mathematischer Modellierung und experimenteller Korrektur bewähren.
Das Elektron zeigt daher, dass Ontologisierung als Operation domänenübergreifend ist, ihre Stabilitätsbedingungen aber domänenspezifisch sind. Im funktional-empirischen Bereich wird eine Bezugseinheit stärker durch Widerstand, Messbarkeit und Reproduzierbarkeit belastet als im bloß subjektiven oder alltäglich intersubjektiven Vollzug.
A.6 Fehlfunktion: „So ist die Welt eben“
Eine ontologische Setzung wird fehlfunktional, wenn sie nicht mehr als funktionale Stabilisierung erkannt wird. Ein Beispiel wäre eine soziale Ordnung, die zunächst Orientierung ermöglicht, später aber als „natürlich“, „alternativlos“ oder „wirklich gegeben“ behandelt wird.
Dann wird aus einer stabilisierenden Setzung eine verabsolutierte Wirklichkeitsbehauptung. Revision erscheint nicht mehr als Anpassung eines begrenzten Bezugsrahmens, sondern als Angriff auf die Wirklichkeit selbst. Die ursprüngliche Leistung der Ontologisierung, Orientierung zu ermöglichen, kippt in epistemische Starre.
Sprachliche Fixierung kann diesen Prozess verstärken. Ein Begriff oder eine Ordnung wird über lange Zeit so selbstverständlich verwendet, dass ihre Herkunft als Stabilisierung kaum noch sichtbar bleibt. Hier berührt Verabsolutierung den Bereich der Immanentisierung: Eine stabilisierte Ordnung wird zur latenten Voraussetzung weiterer Orientierung. Fehlfunktion entsteht jedoch erst dort, wo diese Ordnung nicht mehr revidierbar gehalten wird und als endgültige Wirklichkeitsordnung erscheint.
Zusammenfassende Orientierung
Die Beispiele zeigen dieselbe Grundoperation auf verschiedenen Ebenen. Ontologisierung macht etwas als Bezugseinheit verfügbar. In subjektiver Hinsicht ermöglicht sie Wiedererkennung und Handlung. In intersubjektiver Hinsicht ermöglicht sie geteilte Referenz und soziale Koordination. In funktional-empirischer Hinsicht wird sie durch Messung, Reproduzierbarkeit und Korrektur belastet. Sprache fixiert und erweitert diese Stabilisierung. Fehlfunktion entsteht dort, wo stabilisierte Bezugseinheiten nicht mehr als funktionale und revidierbare Setzungen verstanden werden, sondern als endgültige Wirklichkeit erscheinen.