Realismus ohne Außen
Erkenntnisrelativer Realismus und die Grenze positiver Bestimmbarkeit
Abstract
Der klassische Gegensatz zwischen Realismus und Solipsismus setzt meist voraus, dass sinnvoll von einem Verhältnis zwischen Bewusstsein und Außenwelt gesprochen werden kann. Der Realismus behauptet eine vom Erkennen unabhängige Realität; der Solipsismus verweist auf die Unhintergehbarkeit des eigenen Erlebens. Der vorliegende Beitrag argumentiert, dass bereits diese Gegenüberstellung zu viel voraussetzt: Nicht erst die Behauptung einer Außenwelt ist problematisch, sondern schon der Begriff „Außen“, weil er dem Unbestimmbaren eine Form gibt, die nur innerhalb eines Erkenntnissystems entstehen kann.
Die zentrale These lautet: Das sogenannte Außen ist kein positiv bestimmbarer Bereich, der dem Erkenntnissystem unabhängig gegenübersteht, sondern eine stabilisierte Deutung der Grenze positiver Bestimmbarkeit als Gegenbereich. Diese Grenze bezeichnet keine räumliche Aufteilung zwischen Innen und Außen, sondern das Ende einer Bestimmungsoperation. Auch das „Innerhalb“ eines Erkenntnissystems ist nicht räumlich gemeint, sondern bezeichnet die Reichweite eines Bestimmungszusammenhangs.
Daraus folgt weder naiver Realismus noch dogmatischer Solipsismus. Über das, was nicht mehr positiv bestimmbar ist, kann weder entschieden werden, dass es existiert, noch dass es nicht existiert. Jede positive Bestimmung als Realität, Materie, Ursache, Struktur oder Welt-an-sich wäre bereits eine Formgebung innerhalb eines Erkenntnissystems. Die These ist daher keine Ontologie, sondern eine Grenzregel positiver Bestimmung.
Zugleich verliert Realismus dadurch nicht seine Bedeutung. Als erkenntnisrelativer Realismus beschreibt er die Form, in der Realität innerhalb eines Erkenntnissystems Bedeutung, Widerständigkeit und Orientierungskraft gewinnen kann. Realismus beginnt nicht erst mit der Behauptung realer Gegenstände, sondern mit der Konstruktion einer Außen- und Einbettungsordnung, aus deren Perspektive das Erkenntnissystem sich als Teil dieser Ordnung rekonstruiert. Diese Rückrekonstruktion ist funktional leistungsfähig, darf aber nicht mit einem vollständigen Zugriff auf die eigenen Erkenntnisbedingungen verwechselt werden.
Keywords
Realismus; Solipsismus; Grenzspannung; Erkenntnissystem; Gegebenheit; positive Bestimmung; Außen; Grenze positiver Bestimmbarkeit; erkenntnisrelative Realität; erkenntnisrelativer Realismus; erkenntnisrelative Absolutheit; Wissenschaft
1. Vom Realismusproblem zur Frage nach dem Außen
Jede Aussage über Realität muss irgendwo erscheinen: als Erfahrung, Gedanke, Begriff, Messung, Theorie, Erinnerung oder Beweis. Daraus folgt nicht, dass nichts unabhängig davon existiert. Es folgt aber, dass jede Bestimmung von Realität bereits innerhalb eines Zusammenhangs erfolgt, in dem etwas unterschieden, bezeichnet und als bedeutsam stabilisiert wird. Die Frage ist daher nicht zuerst, ob es eine Außenwelt gibt. Die tiefere Frage lautet, ob der Begriff eines „Außen“ überhaupt sinnvoll verwendet werden kann, ohne dem Unbestimmbaren bereits eine Form zu geben.
Die Philosophie hat Realismus und Solipsismus häufig als unvereinbare Grundpositionen behandelt (vgl. Descartes 1996; Kant 1998; Putnam 1981). Der Realismus geht davon aus, dass eine Realität unabhängig vom Erkennen besteht. Der Solipsismus verweist dagegen darauf, dass alles, was gewiss erscheint, nur innerhalb des eigenen Erlebens gegeben ist. Zwischen beiden Positionen scheint eine harte Alternative zu bestehen: Entweder gibt es eine reale Welt außerhalb des Bewusstseins, oder alle Gewissheit bleibt auf Bewusstsein und Erfahrung beschränkt.
Diese Alternative ist jedoch bereits zu stark gerahmt. Sie setzt voraus, dass sinnvoll von einem „Außen“ gesprochen werden kann. Gerade dieser Begriff ist nicht neutral. Wer „Außen“ sagt, bildet bereits eine Struktur: ein Innen, eine Grenze, eine andere Seite, einen möglichen Gegenbereich. Damit wird dem Unbestimmbaren bereits eine Form gegeben. Diese Form kann jedoch nicht aus einem erkenntnissystemunabhängigen Bereich stammen, sondern entsteht innerhalb eines Bestimmungszusammenhangs.
Die zentrale These dieses Papers lautet daher: Das sogenannte Außen ist kein positiv bestimmbarer Bereich, der dem Erkenntnissystem als unabhängiger Gegenbereich gegenübersteht. Es ist bereits eine stabilisierte Deutung der Grenze positiver Bestimmbarkeit als Gegenbereich. Das Außen ist nicht die Grenze selbst, sondern eine Form, in der diese Grenze als eine Art anderes Gebiet, Gegenüber oder unabhängige Realitätsordnung missverstanden wird.
Erkenntnissystem meint dabei nicht notwendig ein bewusstes Subjekt. Der Begriff bezeichnet zunächst nur den Zusammenhang, in dem Gegebenheit unterschieden, geformt, stabilisiert und bedeutungsvoll gemacht werden kann. Ob ein solcher Zusammenhang zugleich Erleben, Orientierung, Handlung oder Subjektivität einschließt, ist eine zusätzliche Frage.
Damit verschiebt sich die Frage. Es geht nicht mehr zuerst darum, ob es eine Außenwelt gibt oder nicht. Diese Frage setzt bereits zu viel voraus. Es geht vielmehr darum, welche positiven Bestimmungen überhaupt zulässig sind, wenn jede Bestimmung innerhalb eines Erkenntniszusammenhangs erfolgt. Was als Realität, Materie, Ursache, Struktur oder Welt bestimmt wird, ist bereits geformt, unterschieden und bedeutungsvoll stabilisiert. Was über die Reichweite positiver Bestimmung hinausliegt, kann weder positiv noch negativ bestimmt werden.
Diese These führt nicht in dogmatischen Solipsismus. Sie behauptet nicht, dass nur Bewusstsein existiert. Sie behauptet auch nicht, dass Welt, Wissenschaft, andere Menschen oder materielle Strukturen bloße Illusionen seien. Sie sagt lediglich: Alles positiv Bestimmbare erscheint innerhalb eines Bestimmungszusammenhangs. Was über diese Bestimmbarkeit hinausliegt, kann nicht als Realität bestimmt werden, ohne bereits in eine erkenntnissysteminterne Form überführt zu werden.
Gleichzeitig wird der Realismus dadurch nicht wertlos. Im Gegenteil: Er wird präziser bestimmbar. Realismus ist nicht real, weil er eine absolute, erkenntnissystemunabhängige Realität beweist. Er ist real, weil er innerhalb eines Erkenntnissystems diejenige Form stabilisiert, in der Realität überhaupt Bedeutung tragen kann. Realität bedeutet hier nicht Zugriff auf eine Welt-an-sich, sondern stabile Widerständigkeit, Erwartbarkeit, Korrekturfähigkeit und Orientierungsrelevanz.
Das Paper entwickelt diese These in mehreren Schritten. Zunächst wird die Ausgangsspannung zwischen Realismus und Solipsismus rekonstruiert. Danach wird die Grenzspannung zwischen beiden Positionen als heuristischer Zwischenschritt eingeführt. Anschließend werden Gegebenheit, positive Bestimmung und die Grenze positiver Bestimmbarkeit präzisiert. Darauf folgt die entscheidende Verschärfung: Das Außen ist nicht die Grenze selbst, sondern die stabilisierte Deutung der Grenze als Gegenbereich. Danach wird der Begriff Erkenntnissystem von Erlebnissystem, Orientierungssystem, Handlungssystem und Subjekt unterschieden. Abschließend werden Realität, Absolutheit, Realismus, Wissenschaft und Empirie erkenntnisrelativ rekonstruiert.
2. Realismus und Solipsismus als Ausgangsspannung
Der Realismus behauptet, dass eine Welt unabhängig vom Erkennen besteht (vgl. Putnam 1981; van Fraassen 1980). Diese Welt ist nicht bloß Bewusstseinsinhalt, sondern dasjenige, worauf sich Wahrnehmung, Wissenschaft, Sprache und Handlung beziehen. Der Realist kann daher sagen: Die Welt ist nicht erst dadurch da, dass sie erfahren wird. Sie besteht unabhängig davon, ob sie erkannt wird oder nicht.
Der Solipsismus setzt an einem anderen Punkt an, der an die cartesianische Gewissheitsfrage anschließt (Descartes 1996). Er betont, dass dem erkennenden Zusammenhang unmittelbar nur das eigene Erleben gegeben ist. Alles, was als Welt, Körper, Geschichte, Natur, Messung oder anderes Subjekt erscheint, erscheint innerhalb eines Erfahrungs- oder Bestimmungsfeldes. Der Solipsismus muss dabei nicht sofort behaupten, dass nur dieses Erleben existiert. Schon die schwächere Einsicht genügt: Alles, was als gewiss oder bestimmbar erscheint, erscheint innerhalb eines Vollzugs des Bestimmens.
Der Konflikt entsteht, weil beide Seiten unterschiedliche Funktionen betonen. Der Realismus betont Stabilität, Widerstand und Weltbezug. Er erklärt, warum Erfahrung nicht beliebig ist und warum Wissenschaft, Kommunikation und Orientierung möglich erscheinen. Der Solipsismus betont dagegen die Grenze der Letztbegründung. Er erinnert daran, dass jede Evidenz, auch jede Evidenz für eine unabhängige Realität, selbst innerhalb von Erfahrung oder Bestimmbarkeit erscheint.
Beide Einsichten haben Gewicht. Ohne die solipsistische Grenzerkenntnis wird Realismus naiv. Er behandelt die stabile Form der Welt so, als sei sie bereits ein Zugriff auf eine Realität an sich. Ohne realistische Stabilisierung wird die solipsistische Einsicht dagegen leer. Ein System, das Realität nicht stabilisieren kann, kann keine belastbaren Erwartungen, keine Korrekturen und keine gemeinsame Ordnung aufbauen.
Das Problem liegt daher nicht darin, dass Realismus oder Solipsismus jeweils vollständig falsch wären. Problematisch wird es erst, wenn beide Positionen metaphysisch überhöht werden. Der Realismus wird zu stark, wenn er aus stabilen Weltbezügen eine erkannte Welt-an-sich ableitet. Der Solipsismus wird zu stark, wenn er aus der Unhintergehbarkeit des Erlebens auf die Nicht-Existenz alles anderen schließt. Beide überschreiten dann die Grenze dessen, was sinnvoll bestimmt werden kann.
3. Die Grenzspannung zwischen Realismus und Solipsismus als Zwischenschritt
Die Spannung zwischen Realismus und Solipsismus lässt sich als Grenzspannung beschreiben. Gemeint ist eine strukturelle Spannung des Erkennens: Je stärker Realität als unabhängig fixiert wird, desto stärker wird der Anteil des Erkenntnissystems an ihrer Bestimmung verdeckt; je stärker umgekehrt die Unhintergehbarkeit des Erlebens betont wird, desto unsicherer wird die stabile gemeinsame Welt.
Diese Grenzspannung zeigt, dass Realismus und Solipsismus nicht einfach zwei getrennte Weltanschauungen sind. Sie bezeichnen zwei Pole eines einzigen Erkenntnisproblems. Der Realismus stabilisiert Weltbezug. Der Solipsismus markiert die Grenze der Letztbegründung. Der Realismus ermöglicht stabile Realität. Der Solipsismus verhindert, dass diese Stabilität mit absoluter Erkenntnis verwechselt wird.
In dieser Funktion bleibt die Grenzspannung ein sinnvoller Referenzbegriff. Sie macht merkbar, dass Realismus und Solipsismus einander nicht einfach ausschließen, sondern einander begrenzen. Sie erlaubt, die Spannung zwischen realistischer Weltfixierung und solipsistischer Grenzerkenntnis zu benennen, ohne die gesamte Argumentation jedes Mal neu entfalten zu müssen.
Doch diese Grenzspannung bleibt ein Zwischenschritt. Sie arbeitet noch mit der Sprache von Innen und Außen. Sie spricht so, als gäbe es einerseits ein inneres Erleben und andererseits ein Außen, auf das sich dieses Erleben bezieht. Genau diese Gegenüberstellung muss weiter geprüft werden.
Denn „Außen“ ist kein neutraler Begriff. Er wirkt, als bezeichne er einen Bereich außerhalb der Reichweite positiver Bestimmung. Aber ein solcher Bereich ist nicht positiv bestimmbar. Sobald er als Außen beschrieben wird, erhält er bereits eine Form: Er wird als andere Seite, als mögliches Gegenüber, als Raum auf der anderen Seite einer Grenze gedacht. Diese Formgebung geschieht aber innerhalb des Erkenntnissystems.
Die Grenzspannung zwischen Realismus und Solipsismus zeigt daher die Ausgangsspannung. Die eigentliche Verschärfung besteht jedoch darin, dass nicht nur die realistische Behauptung einer Außenwelt problematisch ist, sondern bereits der Begriff „Außen“ selbst.
4. Gegebenheit und positive Bestimmung
Um die Verschärfung des Realismusproblems sauber zu formulieren, müssen Gegebenheit und positive Bestimmung unterschieden werden. Gegebenheit meint hier nicht schon Erkenntnis, nicht schon Realität und nicht schon Welt. Sie bezeichnet nur den unhintergehbaren Ausgangspunkt, dass überhaupt etwas erscheint oder gegeben ist. Diese Gegebenheit ist nicht als Gegenstand unter Gegenständen zu verstehen. Sobald sie als etwas Bestimmtes beschrieben wird, ist bereits eine weitere Operation hinzugetreten.
Ebenso ist Gegebenheit nicht bereits als gerichtetes Erleben eines Subjekts zu verstehen. Am Anfang steht nicht schon ein Subjekt, das auf eine Welt blickt. Eine solche Formulierung würde bereits zu viel voraussetzen: Subjekt, Objekt, Richtung, Perspektive und Weltbezug. Gegebenheit bezeichnet hier vorsichtiger die Grenze, an der überhaupt erst etwas gegeben ist, bevor es als dieses oder jenes bestimmt wird. Gerichtetheit, Perspektive und Subjektform sind spätere Leistungen der Bestimmung und Stabilisierung; ihre Genese wird in diesem Paper nicht eigens entfaltet, darf aber nicht schon vorausgesetzt werden.
Positive Bestimmung beginnt dort, wo etwas unterschieden, geformt, bezeichnet, stabilisiert oder in Bedeutung überführt wird. Eine positive Bestimmung sagt nicht nur, dass etwas gegeben ist. Sie sagt, was es ist, wie es gilt, worauf es bezogen ist, welche Form es hat oder welche Rolle es spielt. Begriffe wie Realität, Materie, Ursache, Struktur, Welt, Subjekt oder Außen sind solche positiven Bestimmungen.
Damit wird sichtbar, dass der Kern des Problems nicht erst bei der Frage nach Realismus beginnt. Er beginnt schon bei der Formgebung. Alles, was als Realität behauptet wird, ist bereits bestimmt. Alles, was als Außen bezeichnet wird, ist bereits geformt. Alles, was als Ursache angesprochen wird, ist bereits in eine Bedeutungsordnung überführt.
Diese Unterscheidung ist entscheidend. Gegebenheit selbst darf nicht mit Realität verwechselt werden. Realität ist keine bloße Rohgegebenheit. Realität entsteht erst dort, wo Bestimmungen stabil genug werden, um als widerständig, erwartbar, korrigierbar und bedeutungstragend zu wirken. Realität ist daher nicht einfach Auseinandersetzung mit einem fertigen Außen, sondern stabilisierte Bestimmung.
Ebenso darf Erkenntnis nicht mit bloßem Erleben gleichgesetzt werden. Erleben kann als Gegebenheit auftreten, ohne schon in reflektierte Bestimmung, stabile Bedeutung oder Realitätsform überführt zu sein. Positive Bestimmung ist eine weitere Stufe: Sie macht aus Gegebenem etwas Bestimmbares, Wiedererkennbares und in einem Zusammenhang Bedeutbares.
Die Frage nach dem Außen ist daher eine Frage nach der legitimen Reichweite positiver Bestimmung. Sie lautet nicht: Was liegt dort draußen? Sie lautet: Darf überhaupt etwas als „draußen“ bestimmt werden, wenn dieses „draußen“ gerade das bezeichnen soll, was über die Reichweite positiver Bestimmbarkeit hinausgeht?
5. Die Grenze positiver Bestimmbarkeit
Die Grenze positiver Bestimmbarkeit bezeichnet die Stelle, an der ein Erkenntniszusammenhang seine eigene Reichweite markieren kann, ohne eine legitime Aussage über das treffen zu können, was über diese Reichweite hinausliegt. Diese Grenze ist keine Wand zwischen zwei bekannten Bereichen. Sie ist auch keine Linie, hinter der eine unbekannte, aber bereits als Realität bestimmte Welt beginnt. Sie bezeichnet das Ende der Möglichkeit, sinnvoll positive Bestimmungen vorzunehmen.
Entscheidend ist daher die Unterscheidung zwischen Grenzmarkierung und Außenbestimmung. Eine Grenzmarkierung ist reflexiv minimal: Sie behauptet nicht, was jenseits der Grenze liegt, sondern hält nur fest, dass positive Bestimmung an dieser Stelle endet. Eine Außenbestimmung geht darüber hinaus. Sie deutet das Ende der Bestimmung als andere Seite, Gegenbereich oder unabhängige Realitätsordnung. Nur die erste Operation ist methodisch zulässig; die zweite gibt dem Unbestimmbaren bereits eine Form.
Grenze bedeutet hier also nicht: hier Innen, dort Außen. Sie bezeichnet nicht eine Linie zwischen einem bestimmbaren Innen und einem unbestimmten Außen, sondern das Ende einer Bestimmungsoperation. Genau deshalb darf die Grenze positiver Bestimmbarkeit nicht selbst wieder als Hinweis auf einen Bereich jenseits der Grenze verstanden werden.
Eine positive Bestimmung liegt vor, wenn etwas als Realität, Materie, Ursache, Struktur, Welt, Gegenstand, Subjekt oder Eigenschaft bestimmt wird. Solche Bestimmungen setzen bereits Bedeutungsformen voraus. Sie setzen voraus, dass etwas unterschieden, bezeichnet, stabilisiert und in einen Zusammenhang gebracht werden kann. Genau diese Leistungen gehören zum Erkenntniszusammenhang.
Daher darf das, was hier nur als nicht-positiv-bestimmbar markiert werden kann, nicht als Realität, Materie, Ursache, Struktur oder Welt bestimmt werden. Es kann auch nicht als Nicht-Existenz bestimmt werden. Denn auch die Verneinung wäre eine Aussage über das, was gerade nicht positiv bestimmbar ist.
Die einzige saubere Aussage lautet: Was über die Reichweite positiver Bestimmung hinausliegt, kann weder als existent noch als nicht-existent entschieden werden. Es kann nur als Grenze der Bestimmbarkeit markiert werden. Diese Markierung ist keine Erkenntnis eines Gegenstands. Sie ist eine Selbstbegrenzung des Bestimmens.
Damit schneidet die Grenze positiver Bestimmbarkeit zwei Überdehnungen ab. Sie erlaubt keine absolute Außenweltbehauptung, aber auch keine absolute Weltverneinung. Der naive Realismus geht zu weit, wenn er aus stabilen Realitätsformen auf eine Welt-an-sich schließt. Der dogmatische Solipsismus geht ebenfalls zu weit, wenn er aus der Unhintergehbarkeit des Erlebens auf die Nicht-Existenz alles anderen schließt. Beide Aussagen überschreiten die Grenze dessen, was sinnvoll bestimmt werden kann.
6. Warum „Außen“ bereits zu viel sagt
Der Begriff „Außen“ scheint zunächst vorsichtig. Er scheint nur anzudeuten, dass über die Reichweite positiver Bestimmung hinaus etwas liegen könnte. Doch bereits diese Andeutung formt das Unbestimmbare. Wer von einem Außen spricht, markiert nicht nur ein Ende der Bestimmung, sondern deutet dieses Ende als Gegenüber: als andere Seite, als möglichen Bereich, als etwas, das dem Erkenntnissystem gegenübersteht.
Damit wird aus einer Grenze ein Gegenbereich. Genau darin liegt die metaphysische Überdehnung. Ein Erkenntnissystem kann markieren, dass positive Bestimmung endet. Es kann aber nicht legitim bestimmen, dass über dieses Ende hinaus ein Außen im Sinne eines Bereichs, Raums oder Gegenübers liegt. Diese Bestimmung wäre bereits eine Anwendung eigener Formen auf das, was gerade nicht positiv bestimmbar ist.
Der entscheidende Satz lautet daher:
Das Außen ist nicht die Grenze selbst, sondern bereits die stabilisierte Deutung der Grenze als Gegenbereich.
Die These ist daher keine Ontologie. Sie behauptet nicht, was letztlich existiert oder nicht existiert. Sie formuliert eine Grenzregel positiver Bestimmung: Was nicht mehr positiv bestimmbar ist, darf weder als Außenwelt, Materie, Ursache, Struktur oder Welt-an-sich noch als Nichtsein positiv festgelegt werden. Der Realismus wird dadurch nicht widerlegt; sein metaphysischer Überschuss wird begrenzt.
Die Deutung der Grenze als Außen ist nicht einfach falsch. Sie ist vielmehr hoch produktiv. Die Vorstellung eines Außen, in das das Erkenntnissystem eingebettet ist, erzeugt genau jene Form, die den Realismus trägt. Realität erscheint dann als etwas, das dem Erkenntnissystem gegenübersteht, es begrenzt, korrigiert und in eine umfassendere Ordnung einfügt. Dadurch werden Weltbezug, Körperlichkeit, Kausalität, andere Systeme, Wissenschaft, Erwartung und mögliche Orientierung stabilisierbar.
Gerade deshalb beginnt Realismus nicht erst mit der Aussage „Es gibt reale Dinge“. Er beginnt bereits mit der Außenbehauptung selbst: mit der Form, in der ein Erkenntnissystem sich als in eine umfassendere Realitätsordnung eingebettet versteht. Diese Außen- und Einbettungsvorstellung ist die eigentliche realistische Grundoperation. Sie macht Realität nicht nur zu etwas, das erscheint, sondern zu einer Ordnung, aus deren Perspektive das Erkenntnissystem sich selbst verstehen kann.
Der naive Realismus macht diesen Schritt meist unbemerkt. Er behandelt die von einem Erkenntnissystem stabilisierte Außenordnung so, als sei sie der direkte Zugriff auf ein erkenntnissystemunabhängiges Außen. Er übersieht, dass „Außen“ bereits eine Form ist. Diese Form entsteht nicht außerhalb des Erkenntnissystems, sondern innerhalb der Bestimmung, die ihre eigene Grenze als Gegenbereich deutet.
Sobald dieses Außen als real definiert wird, kehrt sich die Bestimmungsrichtung um. Das Erkenntnissystem erscheint nun nicht mehr als Zusammenhang, in dem positive Bestimmung und Realitätsbildung möglich werden. Es erscheint als Teil derjenigen Realität, die aus seiner eigenen Bestimmungsleistung hervorgegangen ist: als Körper, Gehirn, Organismus, physikalisches System oder innerweltlicher Prozess.
Diese im Realismus angelegte Rückrekonstruktion ist funktional sehr stark. Sie ermöglicht wissenschaftliche Selbstbeschreibung, biologische Einordnung, psychologische Erklärung und soziale Orientierung. Sie darf jedoch nicht mit einer vollständigen Selbstbeschreibung oder letzten Begründung des Erkenntnissystems verwechselt werden. Denn die Außenordnung, aus deren Perspektive das Erkenntnissystem nun rekonstruiert wird, ist selbst bereits eine innerhalb eines Erkenntnissystems stabilisierte Realitätsform.
Die Formulierung „Es könnte ein Außen geben“ bleibt daher nur als vorsichtiger Grenzausdruck verständlich. Streng genommen benennt sie keinen bestimmbaren Bereich, sondern nur die Möglichkeit, dass die Grenze positiver Bestimmbarkeit innerhalb des Erkenntnissystems als Außen gedeutet wird.
7. Innerhalb ohne Außen
Auch die Rede von „innen“ oder „innerhalb“ muss geklärt werden. Wenn gesagt wird, dass positive Bestimmung innerhalb eines Erkenntnissystems erfolgt, darf dieses „innerhalb“ nicht räumlich verstanden werden. Es bezeichnet keinen geschlossenen Raum, dem ein Außen gegenübersteht. Es bezeichnet die Reichweite eines Bestimmungszusammenhangs.
Das „Innerhalb“ des Erkenntnissystems ist daher keine Innenseite. Es ist der operative Zusammenhang, in dem Gegebenheit unterschieden, geformt, stabilisiert und bedeutungsvoll gemacht werden kann. Innerhalb bedeutet hier: innerhalb der Bedingungen, unter denen positive Bestimmung möglich ist.
Eine Analogie kann dies verdeutlichen. Selbst bei räumlichen Ganzheiten folgt aus Ausdehnung nicht notwendig ein bestimmbares Außen. Ein Universum kann als räumlich ausgedehnt gedacht werden, ohne dass damit schon ein räumliches Außerhalb gesetzt wäre. Ein räumliches Außen wäre nur dann sinnvoll, wenn das Universum selbst in einem größeren Raum läge. Das ist aber nicht schon durch den Begriff der Ausdehnung gegeben.
Umso weniger folgt aus dem „Innerhalb“ eines Erkenntnissystems ein Außen. Denn dieses Innerhalb ist nicht räumlich, sondern operativ gemeint. Der Bestimmungsraum eines Erkenntnissystems hat Reichweite, ohne dadurch in einen übergeordneten Raum mit Außenseite eingebettet sein zu müssen.
Damit wird ein verbreitetes Missverständnis vermieden. Wer „innerhalb des Erkenntnissystems“ hört, denkt leicht an einen Behälter, der eine Außenseite haben muss. Genau das ist nicht gemeint. Das Erkenntnissystem ist kein Raum. Es ist kein Gefäß. Es ist kein Innenbereich mit einem äußeren Gegenstück. Es ist der Zusammenhang positiver Bestimmbarkeit.
Die Frage „Was liegt außerhalb dieses Zusammenhangs?“ wiederholt daher bereits die problematische Formgebung. Sie macht aus der Reichweite einer Operation einen räumlichen oder gegenständlichen Bereich. Sauberer ist: Wo positive Bestimmung endet, kann kein Gegenbereich bestimmt werden.
8. Methodische Selbstbegrenzung: Kein göttlicher Blick auf Erkenntnissysteme
An dieser Stelle entsteht ein wichtiger Einwand. Wenn gesagt wird, ein Erkenntnissystem könne nicht über seine eigene Bestimmbarkeitsgrenze hinaus, klingt es so, als werde dieses Erkenntnissystem selbst von außen betrachtet. Dann würde die Theorie genau das voraussetzen, was sie bestreitet: einen Standpunkt außerhalb des Erkenntnissystems.
Dieser Einwand ist berechtigt. Die Rede vom Erkenntnissystem darf keinen göttlichen Blick beanspruchen. Sie darf nicht so tun, als könne ein Erkenntnissystem von außen vollständig überblickt werden. Auch die Theorie des Erkenntnissystems ist selbst eine erkenntnissysteminterne Operation. Sie entsteht innerhalb eines Bestimmungsraums, nicht außerhalb davon.
Daraus folgt aber nicht, dass man gar nicht mehr von Erkenntnissystemen sprechen darf. Es folgt nur, dass diese Rede reflexiv begrenzt werden muss. Der Begriff Erkenntnissystem bezeichnet keinen Gegenstand, der von einem neutralen Außenstandpunkt vollständig erfasst wird. Er bezeichnet den Zusammenhang, innerhalb dessen Gegebenheit, Unterscheidung, Stabilisierung, Bedeutung, Realität und Grenze überhaupt thematisch werden.
Die Theorie behauptet daher nicht: So ist das Erkenntnissystem an sich. Sie behauptet vorsichtiger: Innerhalb eines Erkenntnissystems lässt sich rekonstruieren, dass jede positive Bestimmung innerhalb eines Bestimmungszusammenhangs erfolgt. Auch diese Rekonstruktion ist selbst eine solche Bestimmung. Sie hebt die Grenze also nicht auf, sondern macht sie ausdrücklich sichtbar.
Das ist kein fehlerhafter Zirkel, solange die Theorie ihre eigene Stellung offenlegt. Fehlerhaft wäre ein Zirkel, wenn ein Außenblick behauptet würde, der nach der eigenen These unmöglich ist. Nicht fehlerhaft ist eine reflexive Struktur, in der ein Erkenntnissystem seine eigenen Bestimmungsbedingungen nicht von außen beweist, sondern im Vollzug seiner Bestimmungen als unhintergehbar erkennt.
Die Lage ähnelt der Logik. Logik kann nicht von außerhalb der Logik bewiesen werden, weil jeder Beweis bereits logisch operiert. Das macht Logik nicht beliebig. Es zeigt vielmehr, dass sie innerhalb des Argumentierens nicht sinnvoll verlassen werden kann. Ebenso kann ein Erkenntnissystem nicht von außerhalb seiner Bestimmungsformen beweisen, dass alle Bestimmung innerhalb von Bestimmungsformen erfolgt. Aber es kann erkennen, dass jede gegenteilige Behauptung wiederum eine Bestimmung innerhalb dieses Zusammenhangs wäre.
Die methodische Selbstbegrenzung lautet daher: Die folgende Analyse beansprucht keinen Standpunkt außerhalb des Erkenntnissystems. Sie ist eine reflexive Rekonstruktion innerhalb eines Erkenntnissystems. Sie beschreibt nicht das Erkenntnissystem von außen, sondern markiert die Grenze, die sich im Vollzug positiver Bestimmung selbst zeigt.
9. Erkenntnissystem, Erleben, Orientierung, Handlung und Subjekt
Der Begriff Erkenntnissystem muss entlastet werden. Er darf nicht unbemerkt mit Erleben, Orientierung, Handlung oder Subjektivität gleichgesetzt werden. Ein Erkenntnissystem bezeichnet zunächst nur den Zusammenhang, in dem positive Bestimmung möglich wird: Gegebenheit kann unterschieden, geformt, stabilisiert, relationiert und bedeutungsvoll gemacht werden.
Ein Erkenntnissystem ist auch nicht von Anfang an als gerichtet oder perspektivisch zu verstehen. Gerichtetheit entsteht erst dort, wo positive Bestimmungen Bezugsstrukturen ausbilden: etwas wird als auf etwas bezogen, von etwas unterschieden oder in einer bestimmten Relevanzordnung gefasst. Perspektive ist nochmals stärker. Sie entsteht dort, wo solche Bezugsstrukturen zu einer stabilen Positionsordnung werden. Das Paper verfolgt diese Genese nicht im Einzelnen, muss aber markieren, dass sie nicht schon im Begriff Erkenntnissystem vorausgesetzt ist.
Nicht jedes Erkenntnissystem ist notwendig ein Erlebnissystem. Ein Erlebnissystem wäre ein System, in dem Roherleben oder phänomenale Gegebenheit auftritt. Ob ein System ein solches Roherleben besitzt, ist eine zusätzliche Frage. Sie darf nicht aus bloßer Bestimmungs- oder Modellbildungsfähigkeit abgeleitet werden.
Nicht jedes Erkenntnissystem ist bereits ein Orientierungssystem. Orientierung setzt stabile Bedeutungs- und Realitätsformen voraus, ist aber nicht mit Bestimmung selbst identisch. Ein Erkenntnissystem kann die Voraussetzungen für Orientierung bilden, indem es Realität als stabil, widerständig und erwartbar formt. Orientierung entsteht erst dort, wo solche Realitätsformen für Relevanz, Richtung, Entscheidung oder mögliche Praxis genutzt werden.
Nicht jedes Erkenntnissystem ist bereits ein Handlungssystem. Handlung setzt eine weitere Kopplung voraus: Ein System muss nicht nur bestimmen und orientieren, sondern in eine Situation eingreifen, reagieren oder Verhalten ausbilden können. Realitätsbildung kann Handlung ermöglichen, ist aber nicht schon Handlung.
Auch Subjektivität ist eine stärkere Form. Ein Subjekt kann als integrierte Kopplung von Roherleben, Erkenntnis, Valenz, Selbstbezug, Orientierung und Handlung verstanden werden. Es erlebt, unterscheidet, bewertet, orientiert sich, handelt und kann sich in bestimmter Weise auf sich selbst beziehen.
Diese Differenzierung verhindert, dass der Begriff Erkenntnissystem zu viel trägt. Er bezeichnet nicht automatisch ein bewusstes, fühlendes, handelndes oder von Anfang an perspektivisches System. Er bezeichnet zunächst nur den Zusammenhang positiver Bestimmbarkeit und Realitätsbildung. Auf dieser Grundlage können Erleben, Orientierung, Handlung und Subjektivität anschließen; sie sind aber nicht schon im Begriff enthalten.
10. Modellierte Erkenntnissysteme und reflexive Rückübertragung
Die Rede vom Erkenntnissystem wird zusätzlich dadurch stabilisiert, dass Erkenntnissysteme andere Erkenntnissysteme modellieren können. Ein Erkenntnissystem kann innerhalb seines eigenen Bestimmungsraums andere Systeme als unterscheidend, stabilisierend, erwartend, irritierbar, lernfähig oder orientierungsfähig auffassen. Es erkennt diese anderen Systeme nicht absolut. Es modelliert sie.
Ein solches Modell kann funktional belastbar sein. Wenn ein anderes System als Erkenntnissystem behandelt wird, können stabile Erwartungen, Kommunikation und Koordination entstehen. Das Modell bewährt sich dann nicht als Zugang zu einem Ding-an-sich, sondern als tragfähige Ordnung innerhalb des eigenen Bestimmungsraums.
Funktionale Bewährung zeigt sich dabei nicht abstrakt, sondern an konkreten Stabilitätsleistungen: Solche Modelle ermöglichen tragfähige Erwartungen, reagieren auf Korrektur, stabilisieren Kommunikation und erlauben wiederholt gelingende Koordination. Ihre Tragfähigkeit liegt daher nicht in einem Zugriff auf das andere System an sich, sondern in ihrer belastbaren Funktion innerhalb des eigenen Bestimmungsraums.
Unter bestimmten Bedingungen kann ein solches Modell reflexiv auf die eigene Domäne zurückübertragen werden. Ein Erkenntnissystem kann sagen: Was ich bei anderen Erkenntnissystemen als Unterscheidung, Stabilisierung, Erwartungsbildung, Irritation und Korrektur modelliere, kann ich unter struktureller Vergleichbarkeit auch zur Beschreibung meiner eigenen Operationen verwenden.
Diese Rückübertragung ist nicht absolut begründet. Sie ist funktional und erkenntnisrelativ legitimiert. Ihre Berechtigung entsteht nicht dadurch, dass das andere Erkenntnissystem an sich erkannt würde. Sie entsteht dadurch, dass seine Modellierung innerhalb des eigenen Bestimmungsraums tragfähige Erwartungen, Korrekturen und Koordination ermöglicht. Strukturelle Vergleichbarkeit wird daher nicht metaphysisch behauptet, sondern über funktionale Bewährung gestützt.
Die Rückübertragung ist somit kein Außenblick auf sich selbst. Sie ist eine modellvermittelte Selbstrekonstruktion. Das Erkenntnissystem erkennt sich nicht vollständig von außen, sondern gewinnt ein Selbstmodell über die Modellierung anderer Erkenntnissysteme und über die funktionale Vergleichbarkeit mit ihnen.
Dafür müssen mehrere Bedingungen erfüllt sein. Erstens muss strukturelle Vergleichbarkeit bestehen: Das andere System muss als in relevanten Hinsichten ähnlich operierend modellierbar sein. Zweitens muss funktionale Bewährung vorliegen: Das Modell muss im Umgang mit dem anderen System tragfähige Erwartungen und Korrekturen ermöglichen. Drittens muss die Modellhaftigkeit markiert bleiben: Das andere System erscheint nicht absolut, sondern innerhalb des eigenen Bestimmungsraums. Viertens darf die Rückübertragung nicht als vollständige Selbsterkenntnis missverstanden werden.
So entsteht eine legitime Rede vom Erkenntnissystem ohne göttlichen Blick. Ein Erkenntnissystem kann sich nicht aus sich herauslösen. Aber es kann andere Erkenntnissysteme modellieren, diese Modelle prüfen und unter Bedingungen auf sich selbst zurückbeziehen. Die Selbstbeschreibung bleibt erkenntnisrelativ, aber sie ist nicht beliebig.
Der entscheidende Satz lautet: Selbsterkenntnis entsteht hier nicht durch Außenblick, sondern durch reflexive Rückübertragung modellierter Erkenntnissysteme.
11. Realität als stabilisierte Bestimmung
Wenn positive Bestimmung nur innerhalb eines Erkenntnissystems möglich ist, muss auch der Begriff Realität neu bestimmt werden. Realität kann dann nicht primär heißen: das, was unabhängig vom Erkenntnissystem an sich besteht. Diese Definition wäre bereits eine positive Bestimmung über die Reichweite legitimer Bestimmbarkeit hinaus.
Realität ist auch nicht mit bloßer Gegebenheit identisch. Gegebenheit bedeutet nur, dass etwas erscheint oder gegeben ist. Realität entsteht erst, wenn Bestimmung stabil genug wird, um Widerständigkeit, Erwartbarkeit, Korrekturfähigkeit und Bedeutung zu tragen. Realität ist daher stabilisierte Bestimmung.
Für ein Erkenntnissystem bedeutet Realität: Etwas zeigt sich als stabil, widerständig, erwartbar, nicht beliebig veränderbar und orientierungsrelevant. Realität ist das, woran sich Erwartungen bilden und korrigieren. Sie ist das, was nicht einfach durch Wunsch, Vorstellung oder willkürliche Setzung aufgehoben werden kann.
Diese Bestimmung macht Realität nicht subjektiv-beliebig. Gerade Widerständigkeit und Korrekturfähigkeit zeigen, dass Realität für ein Erkenntnissystem nicht bloß freie Erfindung ist. Eine reale Ordnung ist eine Ordnung, die trägt, begrenzt, irritiert, bestätigt, enttäuscht und mögliche Orientierung strukturiert. Sie ist real innerhalb der Bedingungen, unter denen Realität überhaupt Bedeutung tragen kann.
Damit wird die Bedeutungsfrage von der Existenzfrage getrennt. Ob etwas über die Reichweite positiver Bestimmung hinaus existiert, bleibt unentscheidbar. Was Realität bedeutet, kann dagegen nur innerhalb eines Erkenntnissystems verstanden werden. Realität bedeutet dort nicht absolute Welt-an-sich, sondern stabile Bedeutungs-, Widerstands- und Ordnungsform.
Diese Unterscheidung ist entscheidend. Was über die Reichweite positiver Bestimmung hinausliegt, mag als Grenzfrage offen bleiben. Aber die Bedeutung von Realität kann nicht sinnvoll dorthin verlagert werden. Denn Bedeutung entsteht nur dort, wo unterschieden, stabilisiert, verglichen, erwartet und gegebenenfalls orientiert wird. Ohne einen solchen Zusammenhang ist nicht klar, was Realität als Bedeutung überhaupt heißen soll.
Daher verliert die Aussage, die Bedeutung der Realität existiere außerhalb des Erkenntnissystems genauso, ihren Sinn. Sie überträgt eine erkenntnissysteminterne Bedeutungsform auf das, was gerade nicht erkenntnissystemintern bestimmbar ist. Sie behauptet nicht nur ein Unentscheidbares, sondern gibt diesem Unentscheidbaren bereits die Form von Realität.
Die präzise Form lautet daher: Die Existenz dessen, was über die Reichweite positiver Bestimmung hinausliegt, bleibt unentscheidbar; die Bedeutung von Realität ist erkenntnisrelativ.
12. Die erkenntnisrelative Bedeutung des Absoluten
Die Klärung betrifft nicht nur den Begriff Realität, sondern auch den Begriff des Absoluten. Gewöhnlich meint „absolut“ etwas, das unabhängig von Perspektive, Bedingung, Erkenntnissystem und Bedeutungszusammenhang gilt. Doch auch dieser Begriff trägt Bedeutung nur innerhalb eines Erkenntnissystems.
Damit kann „absolute Realität“ nicht mehr uneingeschränkt als erkenntnissystemunabhängige Letztwirklichkeit verstanden werden. Denn sobald „absolute Realität“ bestimmt wird, ist bereits ein Bedeutungszusammenhang aktiv. Es wird unterschieden, bezeichnet, behauptet, gedacht und in eine Form gebracht. Diese Operation liegt innerhalb eines Erkenntnissystems.
Das bedeutet nicht, dass der Begriff des Absoluten gestrichen werden muss. Er muss anders verstanden werden. Absolutheit kann für ein Erkenntnissystem die Form maximaler Stabilität, Unhintergehbarkeit oder bindender Geltung annehmen. Etwas kann innerhalb eines Erkenntnissystems absolut sein, insofern es dort nicht sinnvoll weiter relativiert werden kann.
Hier lassen sich mindestens zwei Formen unterscheiden. Erstens gibt es eine Absolutheit der Gegebenheit: Dass überhaupt etwas erscheint oder gegeben ist, kann innerhalb eines Erkenntniszusammenhangs nicht sinnvoll hintergangen werden, weil jedes Bestreiten wiederum als Gegebenheit erscheint. Zweitens gibt es eine Absolutheit stabilisierter Realität: Eine Realitätsordnung kann innerhalb eines Zusammenhangs so bindend, widerständig und korrekturfähig sein, dass sie praktisch nicht beliebig suspendiert werden kann.
Beide Formen sind erkenntnisrelativ. Sie beweisen keine Welt-an-sich. Aber sie sind auch nicht bloß beliebig. Eine Wand, ein Schmerz, ein sozialer Konflikt oder ein Messwert können innerhalb des jeweiligen Bestimmungszusammenhangs zwingende Realität besitzen, ohne deshalb absolute Realität im metaphysischen Sinn zu beweisen.
Absolutheit wird damit erkenntnisrelativ. Das klingt zunächst widersprüchlich, ist aber präzise. Es bedeutet: Absolut ist nicht das, was außerhalb jedes Erkenntnissystems an sich bestimmt wäre. Absolut ist das, was innerhalb eines Erkenntnissystems eine nicht beliebig aufhebbare, maximal stabile oder unhintergehbare Funktion besitzt.
Diese Klärung verhindert ein falsches Entweder-oder. Wenn Realität nicht absolut im metaphysischen Sinn bestimmt werden kann, folgt daraus nicht, dass sie bloß relativ oder beliebig wäre. Sie kann erkenntnisrelativ absolut sein: bindend, widerständig, unhintergehbar und orientierungsstiftend innerhalb des Zusammenhangs, in dem Realität überhaupt Bedeutung trägt.
13. Realismus als erkenntnisrelativ reale Stabilisierungsform
Aus der bisherigen Argumentation folgt eine neue Bestimmung des Realismus. Realismus ist nicht die Erkenntnis eines bestimmbaren Außen. Ein solches Außen kann nicht positiv bestimmt werden. Realismus ist vielmehr die Form, in der ein Erkenntnissystem Realität als stabile Außen- und Einbettungsordnung organisiert.
Diese Außenordnung ist nicht mit einem metaphysischen Außen zu verwechseln. Sie entsteht innerhalb des Erkenntnissystems als funktionale Struktur: Etwas wird als unabhängig vom bloßen Wunsch, als widerständig, dauerhaft, erwartbar und möglicherweise orientierungsrelevant behandelt. In diesem Sinn ist Realismus operativ notwendig, sobald stabile Realität für Orientierung, Korrektur, Kommunikation oder Wissenschaft gebraucht wird.
Der entscheidende Schritt des Realismus besteht jedoch nicht erst darin, reale Gegenstände zu behaupten. Er besteht darin, eine Außenordnung als real zu stabilisieren und anschließend das Erkenntnissystem aus der Perspektive dieser Außenordnung zu rekonstruieren. Dadurch erscheint das Erkenntnissystem selbst als Teil der Realität: als Körper, Gehirn, Organismus, soziales Wesen oder physikalischer Prozess.
Diese Perspektive ist keine wirkliche Perspektive von außerhalb des Erkenntnissystems. Sie ist eine intern gebildete Außenperspektive. Das Erkenntnissystem bildet eine Realitätsordnung, setzt diese als Außenordnung, nimmt innerhalb dieser Ordnung eine Perspektive auf sich selbst ein und rekonstruiert sich dann als Teil dieser Realität. Gerade diese Perspektivverschiebung macht Realismus produktiv und zugleich erkenntnistheoretisch gefährlich.
Produktiv ist sie, weil sie Körperlichkeit, Kausalität, Naturwissenschaft, soziale Welt, biologische Selbstbeschreibung und praktische Orientierung ermöglicht. Gefährlich ist sie, wenn die Herkunft dieser Außenordnung vergessen wird. Dann erscheint das Erkenntnissystem nicht mehr als Bedingungszusammenhang positiver Bestimmung, sondern nur noch als innerweltliches Objekt. Die von ihm stabilisierte Realität wird rückwirkend zum Ursprung erklärt, aus dem das Erkenntnissystem selbst hervorgeht.
Realismus ist daher erkenntnisrelativ real. Er ist real in dem Sinn, in dem Realität innerhalb eines Erkenntnissystems überhaupt Bedeutung tragen kann. Er beweist keine Welt-an-sich, aber er stabilisiert Weltbezug. Er begründet kein absolutes Außen, aber er erzeugt eine tragfähige Außenordnung. Er ist nicht metaphysisch endgültig, aber funktional bedeutsam.
Erkenntnisrelativ real heißt nicht minderreal, bloß subjektiv oder beliebig. Gemeint ist vielmehr: Realitätsformen können stabil, belastbar, korrekturfähig und orientierungsrelevant sein, ohne deshalb als erkenntnissystemunabhängige Realität an sich bestimmt werden zu können. Gerade dadurch wird der falsche Gegensatz vermieden, als müsse etwas entweder absolut real oder bloß subjektiv sein.
Der erkenntnisrelative Realismus vermeidet dadurch zwei Fehler. Er vermeidet den naiven Realismus, weil er nicht behauptet, Realität sei als Welt-an-sich zugänglich. Er vermeidet aber auch den flachen Antirealismus, weil er nicht behauptet, Realität sei bloß Schein. Realität ist dort real, wo sie innerhalb eines Erkenntnissystems stabil und bindend wirkt.
Die zentrale Formel lautet:
Realismus ist nicht real, weil er eine absolute Realität beweist, sondern weil er innerhalb eines Erkenntnissystems genau die Form stabilisiert, in der Realität überhaupt Bedeutung, Widerständigkeit und Orientierungskraft gewinnen kann.
Noch präziser:
Realismus ist die erkenntnissysteminterne Perspektivform, in der ein Erkenntnissystem eine Außenordnung stabilisiert und sich anschließend aus deren Perspektive als Teil dieser Ordnung rekonstruiert.
Damit wird Realismus nicht widerlegt, sondern neu verortet. Er ist keine metaphysische Letztthese, sondern eine Funktionsform der Realität für endliche Erkenntnissysteme.
14. Wissenschaft und Empirie
Diese Position richtet sich nicht gegen Wissenschaft. Wissenschaft benötigt keinen naiven metaphysischen Realismus, um zu funktionieren (vgl. Carnap 1950; van Fraassen 1980). Sie benötigt stabile Beobachtungen, belastbare Modelle, reproduzierbare Verfahren, Korrekturfähigkeit und funktionale Bewährung. All dies bleibt vollständig möglich.
Wissenschaftliche Gegenstände können funktional-empirisch real sein. Ein Virus, ein Elektron, ein Planet oder ein neuronaler Prozess ist nicht deshalb bedeutungslos, weil er nicht als Ding-an-sich bewiesen wird. Solche Gegenstände sind real, insofern sie innerhalb wissenschaftlicher Ordnungen stabil messbar, theoretisch integrierbar, vorhersagefähig und praktisch wirksam sind.
Was entfällt, ist nur der zusätzliche metaphysische Anspruch, wissenschaftliche Modelle würden eine erkenntnissystemunabhängige Realität an sich erfassen. Wissenschaft kann als hochentwickelte Stabilisierung von Erfahrungs- und Messordnungen verstanden werden (vgl. Popper 2002; van Fraassen 1980). Ihre Stärke liegt in ihrer Belastbarkeit, nicht in einem beweisbaren Ausbruch aus dem Erkenntnissystem.
Empirie beginnt daher nicht mit einem neutralen Blick auf eine bereits fertig bestimmte Außenwelt. Sie beginnt mit der Möglichkeit, überhaupt etwas als Beobachtung, Messung oder Datenstruktur zu stabilisieren. Diese Stabilisierung kann methodisch verfeinert, intersubjektiv geprüft und technisch erweitert werden. Aber sie hebt die Grenze positiver Bestimmbarkeit nicht auf.
Wissenschaft bleibt damit stark. Sie wird nur erkenntnistheoretisch entlastet. Sie muss keine absolute Realität beweisen, um gültig zu sein. Sie muss zeigen, dass ihre Ordnungen innerhalb ihrer Domänen tragfähig, korrigierbar und wirksam sind.
15. Kurze Verortung
Die hier entwickelte Position steht nicht außerhalb der philosophischen Tradition. Sie berührt mehrere bekannte Linien, ohne mit ihnen identisch zu sein. Ihre Eigenständigkeit liegt nicht darin, die Realismusfrage erstmals zu stellen, sondern darin, den Begriff „Außen“ selbst als stabilisierte Deutung einer Bestimmungsgrenze zu analysieren und den Realismus als Außen- und Rückrekonstruktionsoperation zu fassen.
Kant trennt Erscheinung und Ding an sich und zeigt, dass Erkenntnis an Bedingungen möglicher Erfahrung gebunden ist (Kant 1998). Die vorliegende Argumentation teilt die Zurückweisung eines naiven Zugriffs auf Realität an sich. Sie verschiebt den Akzent jedoch: Nicht nur das Ding an sich bleibt unerkennbar, sondern bereits die Rede von einem „Außen“ ist problematisch, sobald sie mehr leisten soll als die Markierung einer Grenze positiver Bestimmbarkeit. Die Grenze wird hier nicht als Hinweis auf einen bestimmbaren Gegenbereich verstanden, sondern als Ende einer Bestimmungsoperation.
Husserls Phänomenologie ist ebenfalls anschlussfähig, insofern sie Welt nicht als bloß vorhandene Außenwelt voraussetzt, sondern nach den Bedingungen ihrer Gegebenheit, Intentionalität und Konstitution fragt (Husserl 1960; 1970). Besonders seine Analysen von Bewusstsein, Intentionalität und Intersubjektivität berühren die hier behandelte Problemlage. Die vorliegende Argumentation setzt jedoch nicht bei der phänomenologischen Beschreibung intentionaler Bewusstseinsakte an, sondern bei der allgemeineren Frage, wann eine Grenze positiver Bestimmbarkeit unzulässig als Außen oder Gegenbereich gedeutet wird. Während Husserl die Konstitution von Welt im Horizont transzendentaler Subjektivität analysiert, fokussiert dieses Paper die erkenntnistheoretische Überdehnung des Außenbegriffs und die realistische Rückrekonstruktion des Erkenntnissystems.
Sellars’ Kritik am Mythos des Gegebenen ist ebenfalls relevant, weil sie davor warnt, Gegebenheit als bereits erkenntnisstiftende Letztbasis zu behandeln. Der hier verwendete Begriff der Gegebenheit soll gerade keine positiv bestimmte Grundlage, keinen Gegenstand und keine begrifflich unvermittelte Erkenntnisquelle bezeichnen. Gegebenheit markiert lediglich den unhintergehbaren Ausgangspunkt, dass überhaupt etwas erscheint oder gegeben ist. Erkenntnis, Realität, Welt und Außen entstehen erst dort, wo positive Bestimmung, Stabilisierung und Bedeutung hinzutreten.
Carnaps Unterscheidung zwischen internen und externen Existenzfragen weist in eine verwandte Richtung (Carnap 1950). Existenzfragen erhalten ihren Sinn innerhalb eines sprachlichen oder theoretischen Rahmens. Die hier vertretene These setzt jedoch nicht primär sprachlogisch an. Sie fragt nicht zuerst, innerhalb welchen Sprachrahmens eine Existenzbehauptung sinnvoll ist, sondern wie überhaupt eine Realitätsform entsteht, in der etwas als Gegenstand, Welt, Außen oder Realität bestimmt werden kann. Der Fokus liegt daher auf positiver Bestimmung, Grenze und Realitätsstabilisierung, nicht auf der Wahl eines sprachlichen Rahmens.
Putnams interner Realismus kommt der hier entwickelten Position besonders nahe, weil er Realismus ohne metaphysischen Außenstandpunkt denkt und die Vorstellung einer fertig vorgegebenen Welt zurückweist (Putnam 1981; 1990). Die Nähe liegt darin, dass Realität nicht als unabhängig fertig gegliederte Ordnung verstanden wird, auf die Erkenntnis lediglich zugreift. Putnams Kritik des metaphysischen Realismus, seine Zurückweisung eines göttlichen Blickpunkts und seine Betonung begrifflicher Vermittlung berühren die hier entwickelte Zurückweisung eines unvermittelten Zugriffs auf eine Welt-an-sich. Der Verweis auf Putnam zielt dabei nicht auf eine vollständige Rekonstruktion der Entwicklung seines Realismus, sondern markiert den Punkt, an dem seine Kritik des metaphysischen Realismus besonders eng an die vorliegende Argumentation anschließt. Die Differenz liegt jedoch in der Ebene, auf der die Analyse ansetzt. Putnam kritisiert die Idee einer ready-made world und arbeitet vor allem mit Fragen von Referenz, Wahrheit, Begriffsschemata und rationaler Akzeptierbarkeit. Das vorliegende Paper macht demgegenüber die vorgängige Außenform selbst zum Problem: Nicht nur eine fertig vorgegebene Welt, sondern bereits die Deutung einer Bestimmungsgrenze als Außenordnung wird analysiert. Entscheidend ist daher nicht allein, dass Realität nicht schemalos verfügbar ist, sondern dass der Realismus eine Außenordnung bildet und das Erkenntnissystem anschließend aus deren Perspektive als Teil dieser Ordnung rekonstruiert.
Van Fraassens konstruktiver Empirismus begrenzt den Anspruch wissenschaftlicher Theorien, indem er wissenschaftliche Akzeptanz von metaphysischem Realismus trennt (van Fraassen 1980). Auch diese Linie ist anschlussfähig. Der Unterschied liegt darin, dass der konstruktive Empirismus vor allem den Wahrheitsanspruch wissenschaftlicher Theorien gegenüber unbeobachtbaren Entitäten begrenzt, während die vorliegende Argumentation tiefer ansetzt: Auch Beobachtbarkeit, Messbarkeit und empirische Realität selbst werden als stabilisierte Formen positiver Bestimmbarkeit verstanden. Wissenschaft bleibt dadurch stark, aber ihr Realitätsstatus wird nicht metaphysisch, sondern erkenntnisrelativ bestimmt.
Goodmans Rede von Weisen der Welterzeugung ist ebenfalls verwandt, sofern sie zeigt, dass Welt nicht einfach als fertige Ordnung vorausgesetzt werden darf (Goodman 1978). Die hier vertretene Position unterscheidet sich jedoch dadurch, dass sie nicht primär die Pluralität möglicher Weltversionen untersucht, sondern die Grenze, an der jede positive Weltbestimmung endet. Der Fokus liegt daher weniger auf der Vielfalt von Weltversionen als auf dem Status des Außenbegriffs und der realistischen Rückrekonstruktion.
Auch konstruktivistische und systemtheoretische Ansätze sind anschlussfähig, insbesondere dort, wo Beobachtung, Selbstbeschreibung und Weltbezug nicht als Zugriff auf eine unabhängig fertig gegebene Ordnung verstanden werden (vgl. Luhmann 1995). Die Einsicht, dass Selbstbeschreibungen innerhalb der von ihnen beschriebenen Welt auftreten, berührt die hier entwickelte Rückrekonstruktionsfigur des Realismus. Der Unterschied liegt jedoch im Fokus: Dieses Paper entwickelt keine Theorie sozialer Systeme, operativer Geschlossenheit oder Kommunikation, sondern analysiert die spezifische erkenntnistheoretische Überdehnung des Außenbegriffs. Entscheidend ist nicht nur, dass Weltbezug systemrelativ operiert, sondern dass bereits die Deutung einer Bestimmungsgrenze als Außen eine positive Formgebung darstellt.
Wittgenstein ist schließlich insofern anschlussfähig, als Bedeutung nicht unabhängig von Gebrauch, Praxis und Lebensform verstanden werden kann (Wittgenstein 2009). Auch hier besteht Nähe zur These, dass Realität Bedeutung nur innerhalb eines Bestimmungszusammenhangs trägt. Dieses Paper formuliert die Frage jedoch nicht primär sprachpraktisch, sondern erkenntnistheoretisch: Es untersucht, warum das sogenannte Außen nicht als positiv bestimmbarer Bereich gelten kann und warum Realismus dennoch als erkenntnisrelativ reale Stabilisierungsform notwendig bleibt.
Damit versteht sich der Beitrag nicht als isolierte Gegenposition zur Tradition. Er erinnert an eine alte, nicht erledigte Frage, schärft sie aber an einem bestimmten Punkt: Nicht erst die Behauptung einer Außenwelt ist problematisch. Bereits „Außen“ ist eine überdehnte Formgebung dessen, was nur als Grenze positiver Bestimmbarkeit markiert werden darf, nicht als Gegenbereich. Die eigene Pointe des Papers liegt in der Verbindung dieser Grenzanalyse mit der These, dass Realismus eine produktive Doppeloperation vollzieht: Er stabilisiert eine Außenordnung und rekonstruiert das Erkenntnissystem anschließend aus deren Perspektive als Teil dieser Ordnung.
16. Realismus als notwendige, aber nicht absolute Weltform
Der klassische Gegensatz zwischen Realismus und Solipsismus verdeckt die entscheidende Grenzfrage. Nicht erst die Behauptung einer Außenwelt ist problematisch, sondern bereits die Deutung der Grenze positiver Bestimmbarkeit als Außen. Diese Grenze ist keine Aufteilung zwischen zwei Bereichen, sondern das Ende einer Bestimmungsoperation. Auch das „Innerhalb“ eines Erkenntnissystems ist daher nicht räumlich zu verstehen, sondern bezeichnet die Reichweite eines Bestimmungszusammenhangs. Realismus wird dadurch nicht widerlegt, sondern als notwendige, aber nicht absolute Weltform endlicher Erkenntnissysteme neu verortet.
Die in Kapitel 3 eingeführte Grenzspannung löst sich damit nicht auf, sondern verändert ihren Status. Realismus und Solipsismus erscheinen nicht mehr als zwei metaphysische Endpositionen, sondern als wechselseitige Begrenzungen: Der Realismus stabilisiert Weltbezug; die solipsistische Grenzerkenntnis verhindert seine Verabsolutierung.
Über das, was über die Reichweite positiver Bestimmung hinausliegt, kann weder entschieden werden, dass es existiert, noch dass es nicht existiert. Jede positive Bestimmung als Realität, Materie, Ursache, Struktur oder Welt-an-sich wäre bereits eine erkenntnissysteminterne Operation. Ebenso wäre auch die Behauptung, es gebe dort nichts, eine unzulässige Bestimmung. Die Grenze erlaubt keine positive Weltthese, aber auch keine negative.
Diese Einsicht führt nicht zur Abschaffung von Realität. Sie führt zu einer präziseren Bestimmung von Realität. Realität ist für ein Erkenntnissystem nicht bloße Gegebenheit, sondern stabilisierte Bestimmung: eine Form von Bedeutung, Widerständigkeit, Erwartbarkeit und möglicher Orientierungskraft. In diesem Sinn kann Realität erkenntnisrelativ absolut sein: nicht als Zugriff auf eine Welt-an-sich, sondern als nicht beliebig aufhebbare Bindung innerhalb eines Bedeutungs- und Ordnungszusammenhangs.
Realismus wird dadurch nicht naiv bestätigt, aber auch nicht verworfen. Er wird funktional rekonstruiert. Er ist eine erkenntnisrelativ reale Stabilisierungsform, nicht ein metaphysisch gesicherter Zugriff auf ein Außen. Er beginnt nicht erst mit der Behauptung realer Gegenstände, sondern mit der Außen- und Einbettungsvorstellung: Das Erkenntnissystem stabilisiert eine Außenordnung und rekonstruiert sich anschließend aus deren Perspektive als Teil dieser Ordnung. Diese Rekonstruktion ist orientierungs- und erklärungsstark, bleibt aber eine modellhafte Rückbeschreibung innerhalb der stabilisierten Ordnung. Dadurch erscheint das Erkenntnissystem als Teil der Realität, obwohl diese Realitätsform selbst nur innerhalb eines Erkenntnissystems Bedeutung gewinnen konnte.
Die produktive Wendung besteht darin, dass die Kritik am Realismus nicht in bloßen Solipsismus führt. Ein Erkenntnissystem kann kein absolutes Außen erkennen, aber es kann Realität stabilisieren; und diese Stabilisierung trägt Orientierung, Wissenschaft, Korrektur und mögliche Handlung.
Daraus folgt keine fertige Einzelmethodologie, wohl aber eine methodische Maxime: Realitätsformen sind nach ihrer Stabilität, Widerständigkeit, Korrekturfähigkeit und Orientierungsleistung zu beurteilen, nicht danach, ob sie einen metaphysischen Zugriff auf ein Außen beanspruchen. Eine Theorie gewinnt in diesem Rahmen nicht dadurch an Gewicht, dass sie ein metaphysisches Außen behauptet, sondern dadurch, dass sie Realitätsformen stabiler, korrigierbarer und orientierungsfähiger macht. Wissenschaft, Bewusstseinsforschung und Modellbildung werden dadurch nicht entwertet, sondern von einem unnötigen Letztbegründungsanspruch entlastet.
Damit bildet die hier entwickelte Bestimmung erkenntnisrelativer Realität zugleich eine erkenntnistheoretische Anschlussstelle für weiterführende Analysen von Stabilisierung, Modellbildung und Kontingenzverarbeitung. Diese Anschlussfunktion setzt jedoch keine übergeordnete Systemarchitektur voraus. Das Paper bleibt auf die Klärung des Realismusproblems beschränkt: Realität kann innerhalb eines Erkenntnissystems stabil, bindend und orientierungswirksam sein, ohne dadurch als metaphysisches Außen bestimmt werden zu müssen.
Begriffskanon dieses Papers
Der folgende Begriffskanon dient der Stabilisierung zentraler Bedeutungen innerhalb dieses Textes. Er wird dort eingesetzt, wo für die Argumentation dieses Papers eine explizite begriffliche Referenzbasis erforderlich ist. Er erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder endgültige Systematik. Begriffe, die hier nicht aufgeführt sind, gehören entweder nicht zum Funktionskern dieses Papers oder werden in anderen Arbeiten gesondert behandelt.
Dieses Paper steht in systematischer Nähe zu erkenntnistheoretischen Debatten um Realismus, Solipsismus, interne Realität, konstruktiven Empirismus und die Grenzen positiver Bestimmbarkeit. Es übernimmt jedoch keine bestehende Theorie als begriffliche Oberarchitektur. Die hier eingeführten Begriffe dienen ausschließlich der lokalen Argumentation dieses Papers: Gegebenheit, positive Bestimmung, Grenze positiver Bestimmbarkeit, Außen, Grenzspannung, Erkenntnissystem, erkenntnisrelative Realität, erkenntnisrelativer Realismus und erkenntnisrelative Absolutheit.
Die Rede von Stabilisierung wird in diesem Paper lokal auf die Stabilisierung positiver Bestimmung und Realitätsbildung bezogen. Eine weiterführende Analyse epistemischer Stabilisierung, insbesondere des Übergangs von Erfahrungsfeldern zu modellfähigen Ordnungen, findet sich in Rapp (2026a).
Die Begriffe dieses Kanons sind daher nicht als metaphysische Letztbegriffe zu verstehen. Sie beschreiben keine Realität an sich, sondern stabilisieren die Bedeutungen, die für die Analyse des Realismusproblems erforderlich sind. Insbesondere bezeichnet der Begriff Erkenntnissystem keinen von außen vollständig erfassbaren Gegenstand, sondern einen reflexiven Arbeitsbegriff für den Zusammenhang, innerhalb dessen positive Bestimmung und Realitätsbildung möglich werden.
Der Begriffskanon beschränkt sich auf jene Begriffe, die für die Eigenständigkeit der Argumentation notwendig sind.
- Gegebenheit
- bezeichnet den unhintergehbaren Ausgangspunkt, dass überhaupt etwas erscheint oder gegeben ist. Gegebenheit ist noch nicht Erkenntnis, nicht Realität und nicht Welt. Sie ist auch noch nicht ursprünglich gerichtet, perspektivisch oder subjektförmig.
- Positive Bestimmung
- bezeichnet jede Operation, durch die etwas unterschieden, geformt, bezeichnet, stabilisiert oder mit Bedeutung versehen wird. Sie umfasst nicht nur sprachliche Aussagen, sondern allgemein jede Formgebung.
- Erkenntnissystem
- bezeichnet einen Zusammenhang, innerhalb dessen Gegebenheit in Unterscheidung, Stabilisierung, Bedeutung und Realitätsbildung übergehen kann. Der Begriff beansprucht keinen Außenblick und ist nicht mit Erlebnissystem, Orientierungssystem, Handlungssystem oder Subjekt gleichzusetzen.
- Erlebnissystem
- bezeichnet ein System, dem Roherleben oder phänomenale Gegebenheit zugeschrieben wird. Ob ein Erkenntnissystem zugleich ein Erlebnissystem ist, ist eine zusätzliche Frage.
- Orientierungssystem
- bezeichnet ein System, das stabile Bedeutungs- und Realitätsformen für Relevanz, Richtung, Erwartung oder mögliche Praxis nutzt. Orientierung setzt Realitätsbildung voraus, ist aber nicht mit positiver Bestimmung identisch.
- Handlungssystem
- bezeichnet ein System, das nicht nur bestimmt oder orientiert, sondern in eine Situation eingreift, reagiert oder Verhalten ausbildet.
- Subjekt
- bezeichnet eine integrierte Form, in der Roherleben, Erkenntnis, Valenz, Selbstbezug, Orientierung und Handlung zusammenlaufen.
- Gerichtetheit
- bezeichnet eine spätere Leistung positiver Bestimmung, in der Bezugsstrukturen entstehen. Sie ist nicht bereits in Gegebenheit enthalten.
- Perspektive
- bezeichnet eine stabilisierte Positionsordnung, die auf Gerichtetheit aufbaut. Sie ist keine ursprüngliche Eigenschaft von Gegebenheit oder Erkenntnis.
- Grenze positiver Bestimmbarkeit
- bezeichnet die Stelle, an der ein Erkenntnissystem seine Begrenzung markieren kann, ohne eine legitime positive Aussage über das treffen zu können, was über die Reichweite dieser Bestimmung hinausliegt. Grenze bedeutet hier nicht Aufteilung zweier Bereiche, sondern Ende einer Bestimmungsoperation.
- Innerhalb
- bezeichnet in diesem Paper keinen räumlichen Innenbereich, sondern die Reichweite eines Bestimmungszusammenhangs.
- Außen
- bezeichnet in strenger Verwendung keinen Bereich jenseits des Erkenntnissystems, sondern die stabilisierte Deutung der Grenze positiver Bestimmbarkeit als Gegenbereich.
- Grenzspannung zwischen Realismus und Solipsismus
- bezeichnet die strukturelle Spannung, dass stärkere realistische Weltfixierung den Anteil des Erkenntnissystems an der Bestimmung verdeckt, während stärkere solipsistische Grenzerkenntnis die Stabilität gemeinsamer Welt unsicherer macht. Der Begriff dient dazu, die wechselseitige Begrenzung realistischer Weltfixierung und solipsistischer Grenzerkenntnis zu benennen.
- Realität
- bezeichnet innerhalb eines Erkenntnissystems eine stabile, widerständige, bedeutungstragende und orientierungsrelevante Ordnung. Realität ist nicht bloße Gegebenheit, sondern stabilisierte Bestimmung.
- Erkenntnisrelative Realität
- bezeichnet Realität, insofern sie innerhalb eines Erkenntnissystems Bedeutung, Widerständigkeit und Orientierungskraft gewinnt.
- Erkenntnisrelativer Realismus
- bezeichnet die theoretische Position, die erkenntnisrelative Realität anerkennt, ohne sie metaphysisch zu verabsolutieren. Er hält daran fest, dass Realität innerhalb eines Erkenntnissystems stabil, widerständig, korrekturfähig und orientierungswirksam sein kann, ohne daraus einen Zugriff auf eine erkenntnissystemunabhängige Realität an sich abzuleiten. Realismus ist in diesem Sinn erkenntnisrelativ real: Er stabilisiert die Form, in der Realität für ein Erkenntnissystem Bedeutung, Widerständigkeit und Orientierungskraft gewinnen kann.
- Erkenntnisrelative Absolutheit
- bezeichnet eine maximale Stabilitäts-, Unhintergehbarkeits- oder Geltungsform innerhalb eines Erkenntnis- und Bedeutungszusammenhangs, nicht den Zugriff auf eine erkenntnissystemunabhängige Letztwirklichkeit.
- Realismus
- bezeichnet in diesem Paper nicht den metaphysischen Zugriff auf eine Welt-an-sich, sondern die erkenntnisrelative Stabilisierungs- und Perspektivform, in der ein Erkenntnissystem eine Außenordnung bildet und sich anschließend aus deren Perspektive als Teil dieser Ordnung rekonstruiert.
- Dogmatischer Solipsismus
- bezeichnet die überstarke These, dass nur das eigene Bewusstsein existiere.
- Solipsistische Grenzerkenntnis
- bezeichnet die schwächere Einsicht, dass alles positiv Bestimmbare nur innerhalb eines Erkenntnissystems erscheint.
Kanonischer Status und Geltungsbereich
Die in diesem Paper stabilisierten Begriffe gelten für den Argumentationszusammenhang von Realismus ohne Außen. Sie dienen der Klärung der Frage, warum das sogenannte Außen nicht als positiv bestimmbarer Bereich, sondern als stabilisierte Deutung der Grenze positiver Bestimmbarkeit verstanden werden muss. Die Begriffe können in späteren Arbeiten als Referenzbegriffe verwendet werden, sofern ihr lokaler Status kenntlich bleibt. Sie ersetzen keine umfassende Erkenntnistheorie, sondern bestimmen den begrifflichen Funktionskern dieses Papers.
Literatur
Carnap, Rudolf. 1950. “Empiricism, Semantics, and Ontology.” Revue Internationale de Philosophie 4 (11): 20–40.
Descartes, René. 1996. Meditations on First Philosophy. Translated by John Cottingham. Cambridge: Cambridge University Press.
Goodman, Nelson. 1978. Ways of Worldmaking. Indianapolis: Hackett.
Husserl, Edmund. 1960. Cartesian Meditations: An Introduction to Phenomenology. Translated by Dorion Cairns. The Hague: Martinus Nijhoff.
Husserl, Edmund. 1970. The Crisis of European Sciences and Transcendental Phenomenology. Translated by David Carr. Evanston: Northwestern University Press.
Kant, Immanuel. 1998. Critique of Pure Reason. Translated and edited by Paul Guyer and Allen W. Wood. Cambridge: Cambridge University Press.
Luhmann, Niklas. 1995. Social Systems. Translated by John Bednarz Jr. and Dirk Baecker. Stanford: Stanford University Press.
Popper, Karl. 2002. The Logic of Scientific Discovery. London: Routledge.
Putnam, Hilary. 1981. Reason, Truth and History. Cambridge: Cambridge University Press.
Putnam, Hilary. 1990. Realism with a Human Face. Edited by James Conant. Cambridge, MA: Harvard University Press.
Rapp, Stefan. 2026a. Vom Erfahrungsfeld zum Modell: Epistemische Stabilisierung und die Lokalisierung von Unsicherheit unter endlichen Bedingungen. Zenodo. https://doi.org/10.5281/zenodo.19916907.
Rapp, Stefan. 2026b. Die Grenzen des Selbst im ontologischen Materialismus: Zur Unbestimmbarkeit exklusiver personaler Identität. Zenodo. https://doi.org/10.5281/zenodo.15393859.
Sellars, Wilfrid. 1997. Empiricism and the Philosophy of Mind. Cambridge, MA: Harvard University Press.
van Fraassen, Bas C. 1980. The Scientific Image. Oxford: Clarendon Press.
Wittgenstein, Ludwig. 2009. Philosophical Investigations. 4th ed. Translated by G. E. M. Anscombe, P. M. S. Hacker, and Joachim Schulte. Oxford: Wiley-Blackwell.
Appendix: Didaktische Beispiele zur Reichweite des Realismusproblems
Der folgende Appendix begründet die Hauptthese nicht zusätzlich, sondern veranschaulicht ihre Reichweite. Die Beispiele sind keine erschöpfenden Fallanalysen, sondern zeigen typische Strukturverschiebungen: Funktional berechtigte Realitätsordnungen können in metaphysische Überdehnung kippen, wenn ihre erkenntnissysteminterne Stabilisierung vergessen wird. Der Appendix macht damit sichtbar, warum die Klärung des Außenbegriffs nicht nur für abstrakte Erkenntnistheorie, sondern auch für Wissenschaft, Physik, Alltagsrealismus, Bewusstseinsdebatten, KI und Intersubjektivität relevant ist.
A.1 Wissenschaftliche Messung: methodische Stabilisierung ohne Welt-an-sich-Anspruch
Eine wissenschaftliche Messung erscheint leicht als direkter Zugriff auf Realität. Ein Gerät zeigt einen Wert an, ein Experiment bestätigt eine Hypothese, eine Gleichung beschreibt einen Zusammenhang. Daraus entsteht der Eindruck, Wissenschaft erfasse die Welt so, wie sie unabhängig von jedem Erkenntnissystem an sich besteht.
Diese Deutung geht jedoch über das hinaus, was eine Messung selbst leistet. Eine Messung ist kein neutraler Blick aus dem Erkenntnissystem heraus. Sie ist eingebettet in theoretische Annahmen, technische Verfahren, Kalibrierungen, mathematische Modelle, Beobachtungspraktiken und Interpretationsregeln. Der Messwert ist real, aber er ist real innerhalb eines stabilisierten methodischen Zusammenhangs.
Das schwächt Wissenschaft nicht. Im Gegenteil: Gerade Wiederholbarkeit, technische Belastbarkeit und Korrekturfähigkeit machen wissenschaftliche Messungen zu besonders starken Realitätsformen. Ein Elektron, ein Virus, ein Planet oder eine chemische Reaktion sind nicht deshalb bedeutungslos, weil sie nicht als Dinge an sich bewiesen werden. Sie sind funktional-empirisch real, weil sie innerhalb wissenschaftlicher Ordnungen stabil messbar, vorhersagbar und wirksam sind.
Problematisch wird es erst, wenn diese funktional-empirische Realität mit metaphysischer Absolutheit verwechselt wird. Dann wird aus einer stabilen wissenschaftlichen Ordnung ein angeblicher Zugriff auf eine erkenntnissystemunabhängige Realität an sich. Die präzise Form lautet daher: Wissenschaftliche Realität ist nicht bloßer Schein, aber auch kein metaphysisch gesicherter Blick auf eine Welt-an-sich. Sie ist eine robuste, methodisch stabilisierte Realitätsform innerhalb eines Erkenntnissystems.
A.2 Physik und Suchraum: Materialismus als starke, aber nicht absolute Stabilitätsform
Ein besonders deutliches Beispiel liefert die moderne Physik. Klassische materielle Vorstellungen legen nahe, dass Realität aus eindeutig bestimmbaren Gegenständen mit festen Eigenschaften besteht. Moderne physikalische Theorien zeigen jedoch, dass alltagsnahe Gegenstands- und Eigenschaftsbegriffe nicht ohne Weiteres als letztgültige Form von Realität vorausgesetzt werden können. Quantenphänomene werden je nach experimenteller und theoretischer Ordnung durch unterschiedliche Modellformen beschrieben; daraus folgt nicht, dass materielle Beschreibungen falsch wären, wohl aber, dass sie nicht vorschnell als metaphysisch endgültige Realitätsform behandelt werden dürfen.
Der Problemfall entsteht, wenn Materialismus nicht mehr als starke funktional-empirische Stabilitätsform, sondern als unhintergehbare Form von Realität behandelt wird. Dann wird der theoretische Suchraum verengt. Begriffe wie Information, Relation, Struktur, Feld, Prozess oder Messordnung erscheinen dann nur noch als abgeleitete Beschreibungen einer angeblich bereits feststehenden materiellen Realität. Damit wird jedoch genau das blockiert, was offene Modellbildung leisten muss: zu prüfen, welche Begriffe und Modellformen unter welchen Bedingungen die höchste Tragfähigkeit besitzen.
Der erkenntnisrelative Realismus vermeidet diese Vorentscheidung. Er bestreitet nicht die Realität materieller Ordnungen, sondern begrenzt nur ihre metaphysische Verabsolutierung. Materie ist innerhalb wissenschaftlicher Praxis hochgradig realitätswirksam: messbar, technisch nutzbar, stabilisierend und korrekturfähig. Aber daraus folgt nicht, dass materielle Beschreibung die endgültige Form jeder möglichen Realitätsordnung sein muss. Sie kann eine besonders erfolgreiche Stabilitätsform sein, ohne deshalb metaphysisch absolut zu werden.
Dasselbe gilt für alternative Ordnungsformen. Information, Relation, Struktur, Prozess oder Messordnung dürfen ebenfalls nicht vorschnell metaphysisch verabsolutiert werden. Sie sind zunächst mögliche Modellformen, deren Tragfähigkeit sich daran zeigen muss, ob sie Erklärung, Vorhersage, Integration und Korrektur stabil leisten können. Der Fehler liegt nicht darin, Materie, Information oder Struktur zu verwenden. Der Fehler liegt darin, eine dieser Formen vorab als endgültige Realitätsform festzuschreiben.
Der physikalische Suchraum zeigt damit besonders klar, was erkenntnisrelativer Realismus methodisch leistet. Er schützt Modellbildung vor metaphysischer Verengung. Materielle, informationelle, relationale oder prozessuale Ordnungen können nach ihrer Tragfähigkeit geprüft werden, ohne eine davon vorab als absolute Realität festzuschreiben.
A.3 Gehirn und Bewusstsein: die realistische Rückrekonstruktion
Ein besonders aufschlussreiches Beispiel ist die Aussage: Bewusstsein entsteht im Gehirn. Diese Aussage ist wissenschaftlich und praktisch stark. Sie ermöglicht medizinische Eingriffe, neurologische Diagnosen, psychologische Modelle und technische Forschung. Sie ist daher nicht einfach falsch.
Erkenntnistheoretisch enthält sie jedoch eine Rückrekonstruktion. Das Gehirn ist selbst ein Gegenstand innerhalb einer stabilisierten Realitätsordnung. Es erscheint durch Wahrnehmung, Messung, Bildgebung, Theorie, biologische Klassifikation und wissenschaftliche Modellbildung. Wenn nun gesagt wird, das Gehirn erzeuge Bewusstsein, dann erklärt eine innerhalb des Erkenntnissystems stabilisierte Außenordnung das Erkenntnissystem aus sich heraus.
Das ist der realistische Umkehrvorgang: Das Erkenntnissystem stabilisiert eine Außenordnung, etwa Körper, Gehirn, Natur und Kausalität. Anschließend rekonstruiert es sich selbst aus dieser Außenordnung heraus. Es erscheint dann als innerweltliches Objekt: als Organismus, Gehirnprozess oder physikalisches System.
Diese Rekonstruktion ist funktional produktiv. Sie ist für Medizin, Biologie und Neurowissenschaft unverzichtbar. Aber sie darf nicht als letzte erkenntnistheoretische Begründung missverstanden werden. Denn das Gehirn, aus dem das Erkenntnissystem erklärt wird, ist selbst bereits Teil einer Realitätsform, die nur innerhalb eines Erkenntnissystems Bedeutung gewinnt.
Der Problemfall liegt nicht darin, dass die Gehirnrekonstruktion falsch wäre. Er liegt darin, dass sie Bewusstsein nur noch innerhalb der bereits stabilisierten Außenordnung erfassen kann. Bewusstsein erscheint dann vor allem als Produkt, Effekt oder Funktion eines innerweltlichen Systems. Damit wird eine Abhängigkeit behauptet, deren erkenntnistheoretischer Status nicht geklärt ist: Bewusstsein wird an Materie oder an eine andere Realitätsform gebunden, obwohl diese Realitätsform selbst nur innerhalb eines Erkenntnissystems Bedeutung gewinnt. Besonders sichtbar wird diese Schwierigkeit dort, wo Bewusstsein oder personale Kontinuität unmittelbar an materielle Trägerschaft gebunden werden soll, obwohl die konkrete Materie des Körpers fortlaufend ausgetauscht wird (Rapp 2026b). Die realistische Rückrekonstruktion kann dadurch verdecken, dass die Beziehung zwischen Bewusstsein und materieller Realität nicht als geklärte Abhängigkeit vorausgesetzt werden darf, sondern selbst nur innerhalb eines Erkenntnissystems modelliert werden kann.
Die Pointe lautet daher nicht: Das Gehirn ist unwirklich. Sondern: Das Gehirn besitzt starken funktional-empirischen Realitätsstatus. Es kann Bewusstsein innerhalb einer wissenschaftlichen Außenordnung erklären, aber es kann nicht den erkenntnistheoretischen Ursprung dieser Außenordnung selbst von außen begründen.
A.4 Alltagsrealismus: praktische Stabilisierung ohne metaphysische Überhöhung
Im Alltag sind wir Realisten. Wir behandeln Tische, Türen, Autos, Geld, Termine, Körper und andere Menschen als real. Diese Haltung ist nicht naiv im praktischen Sinn. Sie ist notwendig. Ohne stabile Realitätsformen könnten wir nicht gehen, planen, sprechen, handeln, arbeiten oder uns orientieren.
Wenn jemand eine Tür öffnet, fragt er nicht, ob die Tür erkenntnissystemunabhängig als Ding-an-sich existiert. Er behandelt sie als real, weil sie stabil, widerständig und handlungsrelevant ist. Sie lässt sich öffnen oder nicht öffnen. Sie begrenzt Bewegung. Sie erzeugt Erwartungen. Sie erlaubt Korrektur, wenn eine Erwartung scheitert.
Diese Alltagsrealität ist daher nicht bloß Einbildung. Sie trägt Orientierung, Handlung und soziale Koordination. Ihr Realitätsstatus liegt aber nicht darin, dass sie eine absolute Welt-an-sich beweist. Er liegt darin, dass sie innerhalb eines Erkenntnissystems zuverlässig Bedeutung, Widerständigkeit und praktische Bindung erzeugt.
Das Problem entsteht erst, wenn Alltagsrealismus unbemerkt metaphysisch verabsolutiert wird. Dann wird aus einer funktional notwendigen Weltform eine Behauptung über absolute Realität. Der Alltag zeigt daher besonders gut: Realismus ist nicht einfach ein Irrtum. Er ist eine notwendige Stabilisierungsform. Aber seine Notwendigkeit im Vollzug beweist nicht seine metaphysische Absolutheit.
A.5 KI und Subjektivität: Erkenntnisoperation ist nicht Erleben
Die Unterscheidung zwischen Erkenntnissystem, Erlebnissystem, Orientierungssystem, Handlungssystem und Subjekt wird besonders wichtig bei künstlicher Intelligenz. Ein großes Sprachmodell kann Begriffe unterscheiden, Relationen bilden, Argumente rekonstruieren, Texte erzeugen und Modelle vergleichen. In diesem Sinn kann es an Bestimmungs- und Modellierungsleistungen beteiligt sein.
Daraus folgt jedoch nicht, dass es Roherleben besitzt. Es folgt auch nicht, dass es Valenz, eigene Orientierung, Handlung im starken Sinn oder Subjektivität besitzt. Ein System kann funktional an Erkenntnisoperationen teilnehmen, ohne ein Erlebnissystem oder Subjekt zu sein.
Die Pointe liegt daher nicht in einer vorschnellen Verneinung oder Bejahung künstlicher Subjektivität, sondern in der Trennung der Zuschreibungsebenen. Gerade hier wäre ein unklarer Realismus problematisch. Wenn man ein KI-System einfach als innerweltliches Objekt beschreibt, etwa als Maschine, neuronales Netz oder Rechenprozess, erhält man eine funktional-empirisch sinnvolle Beschreibung. Wenn man es dagegen wegen seiner sprachlichen Leistungen sofort als Subjekt behandelt, vermischt man Bestimmung, Erleben, Orientierung und Selbstbezug.
Das Paper hilft, diese Ebenen zu trennen. Ein KI-System kann realitätswirksam als funktionales Erkenntnis- oder Modellierungssystem beschrieben werden, ohne dass ihm deshalb phänomenales Erleben zugeschrieben werden muss. Umgekehrt darf man seine reale funktionale Wirksamkeit nicht leugnen, nur weil es kein Subjekt im vollen Sinn ist.
Die präzise Frage lautet daher nicht einfach: Ist KI real intelligent oder nur Schein? Sondern: Auf welcher Ebene ist sie real? Als Modellierungssystem? Als Orientierungssystem? Als Handlungssystem? Als Erlebnissystem? Als Subjekt? Jede dieser Zuschreibungen hat andere Stabilitätsbedingungen.
A.6 Intersubjektivität: funktional bewährte Modellierung anderer Systeme
Auch andere Menschen sind uns nicht als absolute Innenwelten zugänglich. Wir erleben nicht unmittelbar, was ein anderer erlebt. Wir sehen Körper, Gesten, Sprache, Handlungen, Reaktionen und Korrekturen. Aus diesen Erscheinungen stabilisieren wir ein Modell des anderen als Erkenntnis-, Erlebnis-, Orientierungs- und Handlungssystem.
Dieses Modell ist nicht beliebig. Es bewährt sich funktional: Andere Menschen antworten, widersprechen, erinnern sich, korrigieren uns, zeigen Schmerz, Freude, Absichten und Erwartungen. Diese Muster sind stabil genug, um Kommunikation, Vertrauen, Konflikt, Verantwortung und gemeinsame Welt zu ermöglichen.
Trotzdem bleibt auch diese Zuschreibung erkenntnisrelativ. Ich habe keinen göttlichen Zugriff auf das fremde Erleben an sich. Ich modelliere den anderen innerhalb meines Bestimmungsraums als anderes Erkenntnis- und Erlebnissystem. Diese Modellierung ist realitätswirksam, weil sie Intersubjektivität trägt, ohne einen absoluten Zugriff auf fremde Innerlichkeit vorauszusetzen.
Das zeigt zugleich, warum dogmatischer Solipsismus zu stark ist. Zwar ist fremdes Erleben nicht absolut zugänglich. Aber die Modellierung anderer als erlebende und orientierende Systeme ist so stabil, korrekturfähig und kommunikativ belastbar, dass sie nicht als bloßer Schein abgetan werden kann.
A.7 Weltverständnis: die produktive Gefahr des Realismus
Das allgemeine Weltverständnis eines Erkenntnissystems entsteht nicht nur durch einzelne Wahrnehmungen oder einzelne Begriffe. Es entsteht durch die Stabilisierung einer umfassenden Ordnung, in der Dinge, Personen, Körper, Natur, Vergangenheit, Zukunft, Gesellschaft und Wissenschaft zusammenhängend erscheinen. Diese Ordnung wirkt oft so selbstverständlich, dass sie nicht mehr als Ordnung auffällt.
Genau hier liegt die produktive Gefahr des Realismus. Er macht Welt verfügbar, indem er eine Außenordnung stabilisiert. Zugleich verdeckt er, dass diese Außenordnung selbst eine Form der Bestimmung ist. Welt erscheint dann nicht mehr als stabilisierte Realitätsform, sondern als das, was einfach unabhängig gegeben ist.
Diese Verdeckung ist nicht bloß ein Fehler. Sie ist funktional verständlich. Ein Erkenntnissystem kann nicht permanent seine eigene Realitätsbildung mitreflektieren, ohne seine Orientierung zu belasten. Für Alltag, Wissenschaft und Handlung muss Realität im Vollzug stabil erscheinen. Die realistische Verdeckung der eigenen Entstehungsleistung ist daher teilweise eine Bedingung funktionierender Weltorientierung.
Problematisch wird sie erst, wenn diese operative Notwendigkeit metaphysisch missverstanden wird. Dann wird aus der stabilisierten Weltform ein absoluter Realitätsanspruch. Das Paper schlägt daher keine Abschaffung des Realismus vor, sondern seine Entabsolutierung: Realismus bleibt notwendig, aber als erkenntnisrelativ reale Stabilisierungsform, nicht als metaphysisch gesicherter Zugriff auf ein Außen.
A.8 Zusammenfassung des Appendix
Die Beispiele zeigen dieselbe Grundstruktur in verschiedenen Feldern. Wissenschaft, Physik, Gehirnerklärung, Alltag, KI, Intersubjektivität und Weltverständnis funktionieren nicht ohne stabile Realitätsformen. Diese Realitätsformen sind nicht bloß subjektiv und nicht bloß Schein. Sie sind belastbar, korrekturfähig und orientierungswirksam.
Ihre Wirksamkeit beweist jedoch keinen metaphysischen Zugriff auf ein erkenntnissystemunabhängiges Außen. Sie zeigt vielmehr, dass Realität innerhalb eines Erkenntnissystems stabilisiert werden kann und dort echten Realitätsstatus besitzt. In diesem Sinn sind solche Ordnungen erkenntnisrelativ real: nicht metaphysisch absolut, aber stabil, korrekturfähig und realitätswirksam.
Der Appendix macht damit die praktische Bedeutung der Hauptthese sichtbar. Der Realismus ist nicht erledigt, weil Wissenschaft, Alltag und Technik funktionieren. Gerade weil sie funktionieren, muss genauer verstanden werden, welchen Status die Realitätsformen besitzen, auf denen sie beruhen.